„An allen Schrauben drehen, um die Maschine zu optimieren“

Im Gespräch mit Dr. Klaus Mott

Dr. Klaus Mott ist seit 2008 im Radiologie Team Lahr/Offenburg/Waldkirch/Müllheim niedergelassen und inzwischen Senior-Partner des sechsköpfigen Gesellschafter-Teams. Eva Jugel (Leitung Netzmanagement des Radiologienetz Deutschland) hat sich mit ihm unterhalten über die Zukunft der Honorarsituation und die Möglichkeiten für Praxis-Unternehmer, darauf zu reagieren. Fazit: Es gibt viel zu tun, aber mit Schwung und Freude kann auch viel gelingen!
 

Sind die drohenden GOÄ- und EBM-Reformen eine Bedrohung für die ambulante Radiologie?

Eva Jugel: Wann kommt die GOÄ Ihrer Meinung nach und kommt sie in der beschriebenen Form?

Dr. Klaus Mott: Ja, also wir lernen aus der Politik, ich schaue jetzt mal ganz exemplarisch auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg, dass auch auf der Zielgeraden sich Dinge noch mal ändern können und es nicht immer unbedingt zum Besseren geht. Wir rechnen frühestens zum 1.1.2027 und spätestens mit dem 1.1.2028 mit einer substanziellen Änderung der GOÄ. Dazu kommen die aktuellen Vorschläge der Finanzkommission zur Anpassung des EBM mit der drohenden Vergütungsabsenkung bei den technischen Leistungen. Wie die Radiologen dabei herauskommen werden, ob es da noch relevante Änderungen der ­Entwürfe und Vorschläge gibt, das sehen wir erst am Schluss, wenn es auf dem Papier steht. Ich hab keine Kristallkugel, auch wenn ich sie hätte, würde ich vermutlich nur Nebel sehen.

Eva Jugel: Wenn sie aber kommt, stellt sich nun die Frage, wie kann man das kompensieren?

Dr. Klaus Mott: Ich sehe hier vier große Ansatzpunkte:

1. Mehr Privatpatienten generieren, vor allem durch Marketing und PR

2. Wachstum, z. B. regional oder durch ­Klinik-Versorgung

3. Permanente Effizienzsteigerung durch Prozessoptimierung, insbesondere digital und KI-getrieben und auch durch Delegation und Organisation

4. Das eigene Team als gutes und gleichzeitig anspruchsvolles Investment


Mehr Privatpatienten durch Marketing und PR

Dr. Klaus Mott: Hier sind viele Maßnahmen gefragt, der eine große Hebel existiert nicht. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Es beginnt bei einer guten Online-Terminvergabe und hört noch lange nicht auf bei dem Erschließen von neuen Zuweisern.

Eva Jugel: Meinen Sie jetzt regional oder fachlich?

Dr. Klaus Mott: Das ist regional und fachlich. Im regionalen Bereich kann man die Qualitätszirkel der Hausärzte, der Gynäkologen, der Orthopäden usw. besuchen oder sogar für diese mitveranstalten. Dadurch kommt man ins Gespräch. Das schafft Verbindungen und Verbindlichkeit. Man kann auch mal neue Wege beschreiten: Wir als radiologische Praxis sind eine Golfklinik – ein spezialisierter Ansprechpartner für Golfer mit ihren ganz individuellen Fragestellungen. Da kommt eine ganz neue Klientel in die Praxis. In der Regel eher zahlungskräftig und die haben auch alle Verwandte und Freunde – guter Service spricht sich rum. Oder auch Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen von Kulturförderung oder auch Sportförderung. Nicht nur Politiker sonnen sich gerne in der Nähe von Spitzensportlern und Künstlern, auch für uns sind deren Nähe und Versorgung ein gewisses „Aushängeschild“ für die Praxis. Also: „Tue Gutes und sprich darüber“. Und natürlich klassisches Marketing in der Region, von Radiowerbung bis hin zu mit unserem Logo folierten Autos unserer Mitarbeitenden. Übrigens: Stellenanzeigen in den neuen Medien kann man auch unter Marketing und sogar PR verorten.

Ein mögliches Erschließungsfeld für uns ist auch das Thema Manager Checkup. Hier testen wir gerade ein rein bildgebendes Modell, das verschiedene Modalitäten beinhaltet, da wir alle in der Praxis nicht der große Fan von Ganzkörper-MRT allein sind. Dann kann man idealerweise noch mit einem Kardiologen oder Orthopäden zusammenarbeiten. Aber jemanden zu finden, der Lust darauf hat, ist gar nicht so einfach.


Permanentes Wachstum

Dr. Klaus Mott: Je breiter das Angebot der Praxis, desto besser – ein vermeintliches Drauflegegeschäft wie z. B. der Ultraschall hat auch große Vorteile wie z. B. Patientenbindung. Dadurch, dass wir jetzt noch eine weitere Klinikversorgung angedockt haben, können wir die Verluste, die wir über die GOÄ-Reform generieren, kompensieren. Klinikversorgung wird auch nach der GOÄ-Reform immer noch gut honoriert, die Verträge sind meist längerfristig und die Vergütung frei verhandelbar. Aber klar, man muss schauen, mit wem man hier zur Hochzeit geht und dass die Klinik eine Zukunft in der Region hat. Je mehr man skalieren kann, desto besser ist es. Wachstum ist wichtig, weil sonst die Liquidität für Neuinvestitionen in vielen Bereichen fehlt. Allein ein neues MRT ist sehr preisintensiv, da muss man schon wirklich schauen, dass der Laden rund läuft. Je kleiner eine Praxis ist, z. B. zwei Gesellschafter mit einem oder zwei Standorten, desto schwerer wird es zukünftig, Erträge zu halten. Zu viele Verantwortungsbereiche liegen auf zu wenigen Schultern.

Eva Jugel: Wie groß kann man als Praxis werden, damit das noch gemanagt werden kann?

Dr. Klaus Mott: Wir sind sechs Gesellschafter, die alle „all in“ gehen und fleißig sind, aber es ist schon eine Nummer mit 150 Angestellten und mit sieben Standorten. Da kommst du irgendwann an den Punkt, wo du sagen musst: Entweder wir legen jetzt noch eine Schippe drauf, um noch weiter zu wachsen oder wir machen so weiter. Ein noch größeres Konglomerat mit einer dann größeren Management-Struktur: Das muss man wollen. 


Effizienzsteigerung


Dr. Klaus Mott: Als Gemeinschaft sind wir stärker: Man braucht starke Zuweiser, aber auch Steuerberater, Juristen, Finanzberater, Architekten, Dienstleister, Händler. Umgebe dich mit starken Mitspielern und du wirst selbst davon profitieren. Man muss sich manchmal auch den harten Schnitt zutrauen und was ganz Neues machen. Lieber delegieren wir z. B. an einen Finanz-Spezialisten und sparen Zeit, die man anderweitig in die Entwicklung der Praxis stecken kann. Nicht immer, aber oft ist es besser, an Profis zu delegieren. Man muss nicht alles selber machen und können. Das Allerentscheidendste des Erfolgs einer Praxis ist, seine eigenen Stärken zu kennen und einzusetzen. Das macht unseren Gesellschafterkreis erfolgreich. Jeder hat sein Resort und das der anderen will man in der Regel nicht haben. Einer darf KV machen. Das hat keinen Sexyness-Faktor.

Eva Jugel: Na ja, wenn mein Kollege Carsten Krüger sagt, er hat einen Beitrag in einer Netz-Veranstaltung von uns, dann sage ich ihm immer: ‚Du bist unser Popstar‘, weil er die ­höchsten Teilnehmerzahlen bekommt. Offensichtlich ist es schon „sexy“ dadurch, dass man durch seine Tipps und ­Erkenntnisse im Honorar zusätzliches Geld rausholen kann.

Dr. Klaus Mott: Ja klar, das stimmt, aber es fliegt immer ein bisschen unter dem Radar. Effizienz ist also ein wichtiges Thema: Da geht inzwischen viel über KI-Tools zur Bilderzeugung oder -nachbearbeitung. Aber es gibt ja auch viele Module innerhalb der Praxisstruktur, wo ich Software oder KI einsetzen kann, um den Workflow zu verbessern, ob das der Online-Check-in ist oder auch die Kommunikationsstruktur innerhalb der Praxis. Wenn ich heute an einem Arbeitsplatz sitze, 12 Stunden, dann klingelt das Telefon nur noch dreimal am Tag, weil wir ein funktionierendes Intranet haben. Dadurch werde ich nicht mehr unterbrochen, sondern kann Diktate oder Patientengespräche in Ruhe beenden und dann reagieren. Das spart Zeit und bringt Qualität, weil ich am Ball bleibe: eine dramatische Effizienzsteigerung!


Vieles hängt ab von einem guten Team.


Dr. Klaus Mott: Also, wir haben jetzt viel über das „Außen“ gesprochen. Sehr wichtig ist aber auch das „Innen“. Wir müssen insbesondere das Personal stärken, weiterentwickeln und auch den Zugang zu frischem Personal haben. Wir haben z. B. eine neue Kooperation mit einer MTR-Schule an einer Klinik, die aktuell nicht mehr alle Ausgebildeten übernehmen kann. Das konnten wir prima für unseren neuen Standort in Müllheim nutzen. Invest in Personal ist ein stets gutes Invest. Zum Beispiel eine Farb- und Stilberatung für die Angestellten und für uns Gesellschafter plus Ehefrauen. Eine Riesen Gaudi und stärkt die Gemeinschaft. Und ganz neu: Seit kurzem bieten wir ein umfangreiches innerbetriebliches Sportprogramm an (Trainer sind wir Ärzte).


Warum als junge Radiologinnen und Radiologen noch in die Niederlassung?


Eva Jugel: Was würden Sie den jungen Kolleginnen und ­Kollegen raten, die jetzt eine Niederlassung erwägen? Sollen die das noch machen oder ist es im Grunde jetzt schon eine (zu) schwierige Situation?

Dr. Klaus Mott: Wenn man das, was man gerne macht, macht, hat man Erfolg. Man muss einfach nur machen. Vor 30 Jahren konnte man als Radiologe nur erfolgreich sein, da war es ein Nobrainer. Die Zeiten sind definitiv vorüber. Heute musst du überlegen, wo du mit einsteigst. Es gibt immer noch Praxen, wo es sich lohnt einzusteigen, weil man „sich leben“ kann. Am Schluss steht die Frage: Warum will ich denn selbst in eine Praxis gehen? Schlummert in einem etwas, das man noch nicht so genau kennt und das man ausleben möchte? Mein Plädoyer: Wer Unternehmer werden will, soll das immer noch machen. Er muss halt überlegen, wo er reingehen will und kann.

Eva Jugel: Wie wichtig ist berufspolitisches Engagement? ­Warum engagieren Sie sich beim BDR und im Radiologienetz und wie wichtig ist neben der Führung der eigenen Praxis ein solches Engagement?

Dr. Klaus Mott: Die Radiologie ist ein Schlüsselfach und wir Radiologen sollten im Eigeninteresse präsent sein, damit die Radiologie nicht immer mehr gemolken wird. Diese Präsenz ist Aufgabe des Berufsverbands und auch vom Radiologienetz. KI könnte hier ein Gamechanger sein, weil die Effizienz der Bildgebung und der Versorgung dadurch erhöht wird. Aber das hat alles seinen Preis. Zur Finanzierbarkeit müssen aus der Radiologie konkrete Vorschläge kommen, wie man Kosten sparen kann. Das geplante Netzprojekt QUIZ (Red.: Qualitätsinduzierte Zuweisung) ist aus meiner Sicht ein gutes Instrument, um sich zu positionieren. Mit einem guten Management der Indikationsprüfung kann man ca. bis zu 20 % der diagnostischen Leistungen einsparen. Das hieße, wir könnten 2030 mit gleichem Bestand das gleiche Leistungsvolumen anbieten. Das wäre doch was.

Eva Jugel: Also ein klares Plädoyer für berufspolitisches Engagement und Vernetzung! Was hält Sie denn arbeitstäglich so frisch und mit guten Ideen gespickt? Was ist Ihr Leitmotiv?

Dr. Klaus Mott: Ich habe mich immer dafür entschieden, das zu machen, was mir Freude bringt. Das hält mich fit. Es ist ja eine sehr individuelle Frage, was einen antreibt. Wir haben ein unglaubliches Privileg, als Ärzte arbeiten zu dürfen, weil wir anderen Menschen Gutes tun. Und am Schluss, und das ist jetzt schon eine philosophische Frage: Habe ich als Radiologe die Möglichkeit, Menschen durch eine gute Diagnostik mehr Lebenszeit und bessere Lebensqualität zu geben?

Eva Jugel: Haben Sie ein Schlusswort für mich und die Leser? Wie kommen Radiologinnen und Radiologen durch die Untiefen der Honorar-Zukunft?

Dr. Klaus Mott: PR, Marketing, Qualitätsmanagement, Mitarbeiter, Finanzierung, KV, Praxisentwicklung, Strategie, Workflow-Management. Es ist ein Potpourri an Themen, die professionell angegangen werden müssen, um zu funktionieren. Das kann einer nicht abbilden und zwei können das auch nicht. Aber wir werden zukünftig, und das ist eine Art Schlusssatz, nur dann gut durch jegliche GOÄ-Reformen kommen, wenn wir gemeinsam an allen Schrauben gedreht haben, um „die Maschine zu optimieren“. Und man darf sich nicht zu schade sein, jede Schraube anzurühren.

Vielen Dank für das Gespräch!