Viel Bewegung auf dem 16. Radiologienetz-Tag
Treu seinem Leitthema „Radiologie in Bewegung – Strategien für Praxis-Erfolg“ verdichtete der diesjährige Radiologienetz-Tag die zentralen aktuellen Themen für niedergelassene Radiologinnen und Radiologen. Die Veranstaltung versammelte rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet zu einem facettenreichen Kongress mit starkem Praxisbezug und Blick in die Zukunft der radiologischen Versorgung.
Bereits am Freitagabend wurde mit parallelen Sitzungen gestartet: Einer offenen Fachbeiratssitzung, die zum berufspolitischen Austausch sowie zur Diskussion gemeinsamer Verbundprojekte einlud, und einem interaktiven Praxismanagement-Austausch, der sich an Funktions- und Führungsträger der zunehmend komplexen Praxisorganisation richtete. Das anschließende informelle „Get together“ bot Gelegenheit zur Netzwerkpflege in entspannter Atmosphäre.
Blick über den Tellerrand aus den USA und der Medizintechnik
Der Samstag widmete sich im historischen Schlosshotel Molkenkur hochaktuellen Themen der Radiologie. In seiner Einführung skizzierte Gastgeber Dr. Johannes Schmidt-Tophoff die aktuellen Herausforderungen, die er mit den Überpunkten Einnahmendeflation, Ausgabenbremse, Investitionszurückhaltung und Praxispreisbaisse zusammenfasste. Der Blick auf die niedergelassene Radiologie zeigte, dass die Konsolidierung weiter voranschreitet und der Anteil der Investoren geführten radiologischen MVZ inzwischen 49 % beträgt.
Eine Einschätzung aus transatlantischer Perspektive gab im Anschluss Prof. Dr. Michael Knopp (University of Cincinnati), der US-Trends und Entwicklungen sowie ihre Übertragbarkeit auf die deutsche Radiologie beleuchtete. Seiner Meinung nach ist es nicht die technische Innovation, die Radiologen in die Führungsrolle bringen kann, sondern vielmehr die Art und Weise, wie die Arbeit in der Radiologie künftig von den Funktionsträgern organisiert wird. Er ermutigte, „ein bisschen mehr Amazon“ zu wagen und gab sich überzeugt, dass Künstliche Intelligenz die radiologischen Akteure künftig keinesfalls ersetzen wird. Gleichzeitig artikulierte er klar, dass Radiologen, die KI nicht einsetzen, ersetzt werden.
Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz im Untersuchungsprozess. Das waren auch die Themen von Siemens Healthineers Manager Christian Zapf. Sein Credo: die Geräte werden immer autonomer und stärker integriert in radiologische Workflows mit dem Ziel, schnell und KI-gestützt vom Patienten(problem) zur voll individualisierten Therapie zu kommen.
Panel über Optionen auf der Einnahmeseite
Ein zentrales Panel diskutierte die Herausforderungen der GOÄ-Reform und deren Auswirkungen auf die Schnittbilddiagnostik. Wie können Einnahmen gesichert bzw. neue Einnahmequellen generiert werden?
Prof. Hans-Ulrich Kauzcor vom Uniklinikum Heidelberg ist Vorreiter des Lungenkrebsscreenings und stellte den Stand der Dinge dar. Ab 1. April 2026 startet das Screening und es wird eine extrabudgetäre Vergütung für die Untersuchung von intensiven Rauchern geben. Die Höhe ist bis heute noch nicht bekannt, was manche zögern lässt, als Leistungsersteller mitzumachen. Gleichzeitig bietet das Lungenkrebsscreening eine Chance zur Spezialisierung und für zusätzliche Honorare, ist aber kein Selbstläufer, da die Organisation des Programms mehr Eigeninitiative von den Beteiligten fordert als das bspw. beim zentral organisierten Mammographie-Screening der Fall ist.
Dieses wiederum stellte Fachbeirat und stellvertretender Programmverantwortlicher Screening-Radiologe Dr. Klaus Mott als Erfolgsmodell für seine Praxisgruppe (Das Radiologie Team) vor. Insbesondere die 50- bis 75- jährigen Frauen seien die entscheidende Zielgruppe bezüglich der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen schlechthin. Und die habe man allesamt regelmäßig in der Praxis, eine Riesen-Chance, auch für das Marketing. Sagte er und spielte einen regionalen Hörfunk-Spot ein!
Die mpMRT der Prostata hat die Diagnostik des Prostatakarzinoms nachweisbar verbessert. Der G-BA berät seit Oktober über ein gezielteres Früherkennungsangebot für Prostatakrebs. Dr. Jonas Müller-Hübenthal arbeitete in seinem Beitrag – durchaus skeptisch - die Chancen eines Prostatakrebsscreenings für die Radiologie und für die Männergesundheit heraus.
Einen rein privatärztlichen Ansatz zeigte Prof. Dr. Thomas Henzler auf, der ab Dezember zwei Privatpraxen im Schwäbischen betreiben wird. Seine Thesen: „Die klassische Radiologie verpasst den Markt für Bildgebung im Bereich Prävention und Longevity“ und „High throughput Kassen Radiologie ist schlecht vereinbar mit First Class Service“.
Fazit der Diskussion war die zu Beginn von Dr. Schmidt-Tophoff herausgegebene Devise „Anregung statt Regungslosigkeit“, der auch vorschlug, sich dem Thema Prävention im Rahmen eines Verbundprojekts im Radiologienetz im nächsten Jahr zu widmen.
Effizienzreserven hebeln
Nach der Mittagspause stellten die Curagita-Berater Bernd Nagel und Carsten Krüger Maßnahmen vor, um den Einnahmerückgängen, die durch die GOÄ-Reform ab 2027 im Schnittbildbereich drohen, entgegenzusteuern. Im Anschluss stellten sich Verbundeinkaufsleiter Boris Kögler und gmd-Chef Ilja Gottschalk erstmals gemeinsam als kompetentes Tandem für Beschaffungsthemen und Einkaufsoptimierung vor. Im Juli fusionierte Curagita mit der gmd gruppe in Hamburg, was sich in einer noch höheren Versorgungssicherheit der von beiden belieferten Praxen niederschlagen wird. Boris Kögler ermunterte Praxen, auch vermeintlich kleinere Räder zu drehen und Effizienzreserven durch Sortimentsstraffung und Optimierung der Beschaffungsprozesse zu realisieren.
Künstliche Intelligenz: vom Neben- zum Hauptthema
Der inhaltliche Schwerpunkt des Nachmittags lag auf der zunehmenden Omnipräsenz von Künstlicher Intelligenz. KI-Pionier Prof. Dr. Michael Forsting vom Uniklinikum Essen gab ein Update zum Stand der KI in der Radiologie. Er ging von den unerfüllten Bedürfnissen radiologischer Unternehmer:innen aus, die er zusammenfasste mit mehr Patienten pro Gerät, weniger Zeit mit Volumetrieren/Quantifizieren, weniger Telefonie sowie Kompensation des Fachkräftemangels. Diesen „unmet needs“ stellte er KI basierte Lösungsansätze gegenüber: synthetische Kontraste, Quantifizierung radiologischer Verläufe, mehr Einsatz von Bots, automatisches Scanning sowie die Entwicklung radiologischer Biomarker.
Dr. Valentina Busik, zugleich amtierende Miss Germany, stellte ihr KI-basiertes Patienten-Avatar-Konzept zur Verbesserung der medizinischen Aufklärung und zur Überwindung von Sprachbarrieren vor.
Curagita-KI-Spezialist Daniel Reiberg hob bei seinem Vortrag auf den praktischen Einsatz von KI ab und bot dafür zwei Ansätze an: die on premise Plattform CuraHub, über die eine Vielzahl von KI-Applikationen effizient in der radiologischen Praxis zur Verfügung gestellt werden kann und einen „ROI-Rechner“, über den sich jede Praxis ihren individuellen finanziellen Nutzen des Einsatzes von KI in der Praxis errechnen kann.
Eine anschließende, sehr kurzweilige „KI Pitch-Arena“ bot jungen KI-Anbietern die Möglichkeit, ihre Lösungen zu präsentieren – ein interaktives Format, das sowohl die Anwendungstauglichkeit als auch den Nutzen für die tägliche Praxis adressierte. Mit einem Stimmungsbild aus dem Plenum via App erhielten die fünf KI-Unternehmen AIRAmed, AIRSMedical, Bonescreen, Evira und Contextflow ein ungefiltertes Feedback der anwesenden Ärzteschaft.
New Work – der Fachkräftemangel macht´s möglich
Im Panel „New Work“ wurde ein weiteres zukunftsweisendes Thema behandelt: Flexibilisierung, Agilität und neue Karrierewege in der Radiologie. Auch hier zeigte sich die Relevanz digitaler Arbeitsmodelle, insbesondere im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Das Panel war bunt besetzt durch Remote MTR Martin Methlow, Teleradiologie Anbieter Dr. Ehssan Ghadamgahi, Auslands-Recruiting-Spezialistin Luisa Schmidt-Tophoff und den Radiologen Dr. David Werner.
Fazit eines spannenden Kongress-Tages
Der Radiologienetz-Tag hat sich erneut als analoges Jahrestreffen mit hoher interaktiver Beteiligung bewährt. Der fachliche Austausch, praxisorientierte Workshops und Paneldiskussionen sowie das parallele Programm für Praxismanagerinnen und -manager mit Themen, die vom Remote Scanning über Social Media Marketing bis zur Prävention von Cyberkriminalität und Datensicherheit reichten, wurden von den Teilnehmenden sehr geschätzt.
Im Fazit von Curagita-Vorstand Frank Vogel wurde deutlich, dass die Radiologie weiterhin vor erheblichen Herausforderungen steht. Es sind keine zusätzlichen finanziellen Ressourcen von Seiten der Kostenträger zu erwarten. Umso wichtiger ist es, dass Radiologinnen und Radiologen eine aktive Rolle einnehmen, sowohl in der berufspolitischen Positionierung als auch bei der Entwicklung innovativer medizinischer Leistungen. Die individuelle Gesundheitsverantwortung der Patientinnen und Patienten sowie der wachsende Wunsch nach Frühdiagnostik eröffnen neue Chancen, insbesondere im Bereich Prävention und spezialisierter Screening-Angebote. Künstliche Intelligenz entwickelt sich vom reinen Hilfsmittel zum zentralen Effizienz- und Qualitätstreiber. „New Work“ wird zum Muss-Thema für radiologische Arbeitgeber im Wettbewerb um Talente.
Der Radiologienetz-Tag bleibt damit ein Leuchtturm für die „radiologische Schwarmintelligenz“ im Radiologienetz – mit dem klaren Ziel, die eigene Fachgruppe aktiv und zukunftssicher zu gestalten.
Wer nach Kongress-Ende noch dabei sein wollte, konnte dies beim sportlichen Ausklang mit Kartfahren in Mannheim. Trotz bitterer Kälte gab es zwei heiße Rennen, die den Teilnehmenden viel Spaß machten und die mit fröhlicher Siegerehrung und Pizza gegen 21.30 Uhr endeten.
Der nächste Radiologienetz-Tag findet am 20./21. November 2026 im Atlantic-Hotel in Heidelberg statt.
Die Präsentationscharts können über diesen Link zwei Wochen abgerufen werden und stehen anschließend auf dem Mitgliederportal pro.radiologie.de im Event Radiologienetz-Tag zum Download zur Verfügung. Dort werden auch ausgewählte Mitschnitte zum Nachsehen verfügbar gemacht.











