Radiologie in Kriegszeiten: die ukrainische Radiologin Nataliia Iliasova im Interview

Wie sieht die radiologische Versorgung in einem von Krieg gezeichneten Land aus? Auf dem diesjährigen Radiologienetz-Tag hat uns die aus der Ukraine geflüchtete Kinderradiologin Nataliia Iliasova diese und weitere Fragen während eines Panels im Gespräch mit Martin Methlow beantwortet. Darüber hinaus nahm der Podcaster von „Auf Knopfdruck – der Radiologie Podcast“ ein Gespräch mit Frau Iliasova in ihrer neuen Heimat in Calw auf.

Seit Jahren versucht Frau Iliasova als Alleinerziehende mit vier Kindern einen Neuanfang zwischen beruflicher Anerkennung, Alltag in Deutschland und Familie. Dass dies einem enormen Kraftakt gleichkommt, lässt sich erahnen – kaum vorstellbar ist jedoch, welche persönliche Stärke es benötigt, um angesichts der behördlichen Hürden bei der Anerkennung medizinischer Qualifikationen nicht den Mut zu verlieren. Die Radiologin arbeitet derzeit in Calw und muss ihre Facharztprüfung für eine praktische Tätigkeit in Deutschland nochmals ablegen.

Curagita Geschäftsführer Dr. Johannes Schmidt-Tophoff steht seit mehreren Jahren im engen Austausch mit Frau Iliasova und hatte sie auch in diesem Jahr erneut zum Radiologienetz-Tag eingeladen – diesmal mit dem Fokus auf eine Einordnung der radiologischen Versorgung in der Ukraine, insbesondere an der Front und in mobilen Versorgungsstrukturen.

Bildgebung unter Extrembedingungen: Radiologie nahe der Front

Im Gespräch schilderte Nataliia Iliasova eindrücklich, wie sehr sich die radiologische Arbeit unter Kriegsbedingungen verändert hat. Während in den Kliniken im Landesinneren trotz aller Einschränkungen versucht werde, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten, sieht die Versorgung in den Kriegsgebieten und in Frontnähe anders aus.

Hier komme der mobilen Bildgebung in Form von Ultraschall und Röntgen eine entscheidende Rolle zu. Besonders der mobile Ultraschall sei unverzichtbar. Er ermögliche eine schnelle Ersteinschätzung, sei vergleichsweise unabhängig von komplexer Infrastruktur und helfe, Verwundete rasch zu triagieren. „Ultraschall ist dort das wichtigste Werkzeug“, betonte Frau Iliasova im Gespräch. Für weiterführende Diagnostik wie CT oder MRT müssten Patientinnen und Patienten hingegen in sicherere Regionen transportiert werden.

Eine besondere Rolle spielten mobile Krankenstationen in speziell ausgestatteten Zügen, die als eine Art „Krankenhaus auf Schienen“ fungieren. In diesen Zügen werden Verwundete stabilisiert, untersucht und teilweise auch operativ versorgt. Ziel sei es, Patientinnen und Patienten gezielt und koordiniert in geeignete Kliniken weiterzuleiten – unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und ohne öffentlich bekannte Fahrpläne.

Psychische Belastung für medizinisches Personal

Neben den organisatorischen Herausforderungen machte Nataliia Iliasova auch die psychische Belastung für Ärztinnen und Ärzte deutlich, die weiterhin in der Ukraine arbeiten. Luftalarme, Bombardierungen und permanente Unsicherheit gehörten zum Alltag vieler Kolleginnen und Kollegen. „Man muss funktionieren, auch wenn es emotional extrem schwer ist“, so Frau Iliasova.

Gerade medizinisches Personal stehe unter besonderem Druck, da es auch in akuten Gefahrensituationen handlungsfähig bleiben müsse.

Anerkennung in Deutschland: ein langer Weg mit vielen Hürden

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war Nataliia Iliasovas persönlicher Weg in Deutschland. Trotz über 20 Jahren Berufserfahrung befinde sie sich auch nach Jahren der Bemühung immer noch im Anerkennungsprozess, der von langen Wartezeiten, wiederholten Sprachprüfungen und komplexen bürokratischen Abläufen geprägt sei. Ohne Geduld und Durchhaltevermögen – ebenso wie die Unterstützung durch Kolleginnen, Kollegen und persönliche Netzwerke – halte man so etwas nicht durch.

Gleichzeitig betonte sie ihre große Dankbarkeit für die Hilfe, die sie und ihre Kinder in Deutschland erfahren haben – insbesondere durch engagierte Einzelpersonen, Schulen sowie medizinische Kolleginnen und Kollegen. Sicherheit und Stabilität für ihre Kinder stünden derzeit an erster Stelle.

Konkrete Hilfe statt abstrakter Solidarität für die Ukraine

Auf die Frage, wie die radiologische Gemeinschaft konkret unterstützen könne, sprach sich die Radiologin klar für praktische, direkte Hilfe aus. Besonders Sachspenden wie Medikamente, Verbrauchsmaterialien oder funktionsfähige Medizingeräte seien in vielen Regionen dringend notwendig. In kleineren Städten und ländlichen Gebieten fehle es teils sogar an grundlegender Röntgentechnik. „Ein gebrauchtes, aber funktionstüchtiges Gerät kann dort einen enormen Unterschied machen“, erklärte sie. Entscheidend sei, dass Hilfe möglichst direkt bei den Menschen ankomme – über persönliche Kontakte, medizinische Netzwerke oder lokale Initiativen.

Das vollständige Gespräch mit Nataliia Iliasova können Interessierte ab dem 19. Januar 2026 in einer neuen Folge von Martin Methlows Podcast „Auf Knopfdruck – der Radiologie Podcast“ nachhören.