Richtlinien für das Lungenkrebsscreening werden in Heidelberg festgelegt
Vor fünf Jahren besprachen wir im CuraCompact-Magazin die Chancen des Lungenkrebsscreenings. Unter der wissenschaftlichen Leitung des renommierten Universitätsklinikums Heidelberg werden seit Mai 2023 für die EU Vorschläge zu Rahmenbedingungen für eine bessere Implementierung eines lückenlosen Lungenkrebsscreenings mit Qualitätsanspruch ausgearbeitet.
Auf europäischer Ebene hat man sich für eine grundsätzliche Verbesserung der Krebsvorsorge mittels Screening unter einheitlichen Vorgaben ausgesprochen. Je früher Lungenkrebs diagnostiziert wird, desto höher sind die Heilungschancen. Allerdings werden derzeit in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union nicht alle Menschen mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs gleichermaßen gut erreicht und angemessen durch Früherkennungsangebote unterstützt. Die Herausforderungen liegen sowohl in der Organisation (welche Bevölkerungsgruppen, Altersintervalle, Finanzierung) als auch im medizinischen Bereich (falsch-positive Befunde).
In Deutschland sind radiologische Früherkennungsuntersuchungen nur zulässig, wenn dies in einer Rechtsverordnung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) explizit vorgesehen ist (§ 84 Abs. 1 Strahlenschutzgesetz). An dieser Zulassung mittels Niedrigdosis-Computertomografie bei Rauchern wird nun aktiv gearbeitet.
Wie das Universitätsklinikum Heidelberg Anfang Mai 2023 mitteilte, erhält das Projekt „Strengthening the Screening of Lung Cancer in Europe“ (SOLACE) 10 Mio. Euro aus dem EU-Gesundheitsprogramm EU4Health, um das Lungenkrebsscreening für alle Risikogruppen über alle Gesellschaftsschichten hinweg zu verbessern. Das dreijährige Programm wird wissenschaftlich von Professor Dr. Hans-Ulrich Kauczor und seinem Team an der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Heidelberg geleitet. Als Redner am diesjährigen Radiologienetz-Tag wird er Einblicke in die Aufgaben und Fortschritte des Projekts gewähren. Wir haben mit ihm vorab bereits gesprochen. Auf die Frage, weshalb es fünf Jahre brauchte, das bereits 2018 veröffentlichte Positionspapier „European position statement of lung cancer screening“ in allgemeine Richtlinien zu überführen, antwortete er: „Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass erst ab 2020 Evidenz aus zwei randomisierten, kontrollierten und in der europäischen Union durchgeführten Studien für die Früherkennung mittels Lungenkrebsscreening über LDCT vorlag. Die vorher verfügbaren Ergebnisse aus den USA konnten nicht als alleinige Grundlage gelten. Dann kam Corona, was die Arbeit der EU und der deutschen Behörden in dieser Sache deutlich verlangsamte.“
Im Dezember 2021 erfolgte die Empfehlung zur Lungenkrebsfrüherkennung mittels Niedrigdosis-Computertomographie durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Damit war die Grundlage für das benötigte Zulassungsverfahren für Lungenkrebsscreening als Früherkennungsuntersuchung in Form einer Rechtsverordnung durch das zuständige Bundesministerium (BMUV) geschaffen. Laut Informationen auf dem Deutschen Röntgenkongress in Wiesbaden im vergangenen Mai ist damit noch in diesem Jahr zu rechnen. Professor Kauczor war als Sachverständiger in der Erstellung des wissenschaftlichen Berichts zur Früherkennung von Lungenkrebs mittels der Niedrigdosis-Computertomographie bei Rauchenden und Ex-Rauchenden durch das Bundesamt für Strahlenschutz beteiligt.
Summary: Niedrigdosis-CT als Untersuchungsmethode
Die Niedrigdosis-Computertomographie (LDCT) gilt als eine sichere und effektive Früherkennungsuntersuchung für Lungenkrebs. Studien in den USA und Europa haben gezeigt, dass durch diese Früherkennung Lungenkrebs-Todesfälle um 20 Prozent reduziert werden können. Dennoch gibt es viele Gründe, warum Personen mit erhöhtem Risiko keinen Zugang zu dieser Vorsorgeuntersuchung haben und Lungenkrebs erst spät entdeckt wird. Professor Hans-Ulrich Kauczor erklärt: „Unser Ziel ist es daher, klare, prägnante und praktische Richtlinien für die Durchführung eines Lungenkrebs-Früherkennungsprogramms in der EU zu erstellen und gleichzeitig spezifische Bevölkerungsgruppen zu identifizieren und einzubeziehen, die derzeit nur schlecht erreicht werden.“ In diesem Kontext verfolgt SOLACE auch den Ansatz, mobile Screening-Einheiten bereitzustellen, damit beispielsweise Menschen in abgelegenen Gebieten einfacher am Screening teilnehmen können.
Ob und welche Rolle die niedergelassene Radiologie in Deutschland spielen wird, ist offen. Die neue Generation der Low Dose-CTs ist in Deutschland noch kein Standard, aber sie hält seit einigen Jahren Einzug, beispielsweise ab der „Go“-Serie von SIEMENS mit dem speziellen Zinnfilter. Prof. Kauczor nimmt an, dass die niedergelassene Radiologie künftig zentral eingebunden werden wird. „Die CT als Diagnosemethode spielt eine ganz entscheidende Rolle und diese ist in der Hand der Radiologie. Sofern die hohen Anforderungen beim Lungenscreening seitens der Ärzteschaft erfüllt werden, können die Untersuchungen in großen Teilen auch in der niedergelassenen Radiologie stattfinden.“
Welche Qualifikationen hierfür gefordert und welche Honorare dafür künftig gezahlt werden, wird derzeit noch ausgearbeitet.
Das Forschungsprojekt SOLACE
An SOLACE („Strengthening the Screening of Lung Cancer in Europe“ ) sind 34 Institutionen beteiligt, unter anderem Vertreter/-innen von Forschungseinrichtungen, Universitätskliniken, nationalen Gesundheitsbehörden, Patientenorganisationen und Verbänden der Gesundheitsberufe.
Foto Prof. Kauczor: Leopoldina / M. Scholz



