Lebst du noch oder arbeitest du schon? New Work in der Radiologie
New Work bedeutet mehr als nur Homeoffice oder eine 4-Tage-Woche. Wir erfahren einen tiefgreifenden Kulturwandel, der Vertrauen, Struktur und effiziente Workflows in den Mittelpunkt stellt. Wie können Abläufe auch für Beschäftigte im Gesundheitswesen hin zu New Work verbessert werden? Wir haben mit Andrea Salwat gesprochen, die auf dem Radiologienetz-Tag ein Panel zu New Work moderierte und O-Töne der Diskutanten eingefangen.
Nicht nur in der Gen Z spürt man den deutlichen Wertewandel in der Gesellschaft. Wenn es um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung geht, lösen sich die Grenzen zwischen Arbeiten und Leben auf. Arbeit wird nicht mehr nur als Mittel zum Zweck verstanden, sondern als Raum für Entwicklung, Mitgestaltung und individuelle Entfaltung. (Fraunhofer IAO, 2019; ResearchGate, 2022). Die Frage der Sinnhaftigkeit rückt in den Fokus, wenn es um die Wahl des Arbeitsplatzes geht.
Begründer des New Work Konzepts ist der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, der schon in den 1970er-Jahren sagte: Arbeit soll stärken und dem Menschen Möglichkeiten zur Mitgestaltung bieten. New Work ist dabei ein offenes Konzept, das sich je nach Organisation unterschiedlich entfaltet und die Themen wie Unternehmenskultur, Partizipation über Hierarchiegrenzen hinweg, Achtsamkeit und Menschenzentrierung, Mental Health und Organisationsagilität betont.
Der Reality Check zeigt schnell: In einer radiologischen Praxis lässt sich New Work nicht 1:1 wie in kreativen Branchen umsetzen — aber Grundprinzipien können durchaus integriert werden. Es geht um Kultur statt nur Technik. Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen Mitarbeitende gerne und produktiv arbeiten – unabhängig vom Ort. Der Einsatz von Digitalisierung und KI ermöglicht vieles, was unter New Work zusammengefasst ist, und hilft bei der Entlastung von Routineaufgaben. Dies bekräftigten auch die Teilnehmer des Panels auf dem diesjährigen Radiologienetz-Tag Dr. David Werner von der Radiologie Rhein-Nahe, Dr. Ehssan Ghadamgahi von Radiology Advanced, Luisa Schmidt-Tophoff von Camea, Martin Methlow von RADiness und Moderatorin Andrea Salwat, ebenfalls von RADiness.
Der Ausblick in die Zukunft ist ernst. Das Deutsche Krankenhausinstitut hat in seiner Studie „Fachkräftemangel und Fachkräftebedarf in MTA-Berufen“ errechnet, dass 25 Prozent der MTR bis 2030 in den Ruhestand gehen werden. Das entspricht 3.270 Vollzeitkräften. Der Bedarf lässt sich nur decken, wenn die Ausbildungszahlen konstant bleiben. Man darf skeptisch bleiben. Zwar geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage im Deutschen Bundestag hervor, dass wir pro Jahr rund 800 MTR-Absolventen haben. Doch werden viele von ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Beruf ausscheiden, weil die große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Arbeitsalltag zu belastend ist.
Können wir es uns leisten, dass Mitarbeitende nicht voll arbeiten?
Dr. David Werner sagte im Panel: „In New Work steckt ‚Work‘ drin und das bedeutet eben nicht ‚no work‘“. Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern darum, technologische Möglichkeiten auszunutzen, um Arbeit anders zu organisieren. Damit könnten kapazitive Potenziale gehoben werden, die sich auch in Zahlen belegen lassen.“
Bis 2030 ist der Fachkräftemangel in MFA und MTR berufskritisch; Radiologen und Radiologinnen werden ebenfalls knapp. Die Panel-Teilnehmer stimmten überein: Organisationen, die jetzt in Ausbildung, Bindung und Technologie investieren, haben bis 2030 einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil – sowohl in Versorgungssicherheit als auch in Wirtschaftlichkeit. Aber es braucht sowohl strukturelle Reformen als auch Investitionen in Ausbildung, Arbeitsbedingungen und eine technologische Unterstützung. Und natürlich auch regulatorische Veränderungen, z.B. für die Remote Befundung.
Einsatz internationaler Fachkräfte
Angesichts der sich auch mittelfristig nicht schließenden Personaldecke ist ein Einsatz internationaler Fachkräfte nur ein logischer Schritt. Die bestehende Zuwanderung sollte das Gesundheitswesen nutzen, allerdings muss dazu die Anerkennung für MTR/MFA beschleunigt werden. Angebote zur aktiven Rekrutierung aus EU/Nicht-EU-Ländern sowie Mentoren- / Integrationsprogramme gibt es bereits wie z.B. durch den Dienstleister Camea.
New Work als ergänzender Ansatz für radiologische Praxen
Wenngleich natürlich jede Praxis zunächst ihre „Hausaufgaben“ bezüglich Berechnung des tatsächlich kurz- und langfristig benötigten Personalbedarfs, Optimierung der Dienstplanung und Schaffung einer motivierenden Praxiskultur u.v.m. machen muss, stecken darüber hinaus im New Work Konzept weitere Optionen, durch mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, durch mehr Sinnorientierung und durch weitere Flexibilisierung personelle Ressourcen zu hebeln.
Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
Damit das gesamte Team in der Praxis mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung übernehmen kann, alle im Team ihreihre eigenen Entscheidungsbefugnisse kennen und gleichzeitig Verantwortung übernehmen.
Umsetzungsmöglichkeiten:
- Dezentralisierte Entscheidungen: Teams (z. B. MTR, Ärzte, Verwaltung) erhalten mehr Entscheidungsspielräume bei der Arbeitsorganisation, Terminplanung oder Prozessverbesserungen.
- Verantwortungsbereiche definieren: MTR können z. B. eigenständig Qualitätskontrollen, Patientenaufklärung oder Gerätekalibrierungen planen und dokumentieren.
- Feedback- und Beteiligungskultur: Regelmäßige Team-Reviews, Ideenrunden oder institutionalisierte Verbesserungsvorschläge
Dr. Ehssan Ghadamgahi berichtet in der Diskussionsrunde: „Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass Remote Working einfach funktioniert als Modell. Wir schaffen einen entsprechenden Rahmen, es werden klare Strukturen und Prozesse vorgegeben, in welchen sich die Mitarbeitenden flexibel bewegen und entfalten können“. Sein Unternehmen beschäftigt 60 Teleradiologen.
Sinnorientierung und Purpose
Motivation auch im stressigen Schichtbetrieb entsteht, wenn Mitarbeitende verstehen, wofür sie das Ganze tun und dass ihre Arbeit jeden einzelnen Tag für die Dienstleistung am Patienten und damit den Erfolg der Praxis wichtig ist.
Umsetzungsmöglichkeiten:
- Transparente Kommunikation: Ärztliche Leitung erläutert regelmäßig, welchen Beitrag Diagnostik und zur Patientenversorgung leisten.
- Patientenorientierte Team-Meetings: Diskussion von Fallbeispielen (anonymisiert) zur Verdeutlichung des Mehrwerts präziser Diagnostik.
- Fortbildungsangebote und individuelle Mitarbeiterentwicklung
„Unsere Leute fühlen sich extrem motiviert und liefern beste Ergebnisse. Das führt zu einem hohen Identifikationsgrad mit dem Unternehmen und bringt Stabilität. Unser ausschließliches Remote-Working-Modell funktioniert teilweise besser als in Unternehmen, wo Remote Working als eine Option zu Präsenzarbeit angeboten wird“, sagt Dr. Ehssan Ghadamagahi.
Flexibilität und Work-Life-Balance
Auch innerhalb der Personaleinsatzplanung gibt es Spielräume für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Die Wahl zu lassen zwischen Früh- und Spätschicht und Teilzeit-Optionen anzubieten, ist in radiologischen Praxen schon allerorts üblich, um persönliche Bedürfnisse der Mitarbeitenden zu berücksichtigen. Darüber hinaus gibt es weitere Ansätze, in der auch der Ort, an dem die Arbeitsleitung entsteht, flexibilisiert wird:
- Remote Scanning: eigene MTR steuern mehrere Geräte in einer Praxis oder an mehreren Standorten von zu Hause aus, während eine Kraft vor Ort die Patienten lagert. Die Kommunikation zwischen beiden läuft über Telefonie. Dieses Modell fahren inzwischen auch schon einige Netzpraxen und greifen dazu auf die Erfahrung und die Manpower des Teams von RADiness zu. Andrea Salwat, die das Panel auf dem Radiologienetz-Tag moderierte, ist stolz, im ersten Jahr als Geschäftsführerin ein 15-köpfiges Team aufgebaut zu haben, das aktuell 20 Standorte mit 30 Großgeräten remote unterstützt.
- Digitales Recruiting, z.B. auch bei ausländischen Fachkräften, hier auch digitale Schulungen auch im Self-Learning Modus (Sprache, Anerkennungskurse). Dieses Modell fährt Camea, ebenfalls seit Januar ein eigenständiges Tochterunternehmen von Curagita. Geschäftsführerin Luisa Schmidt-Tophoff erläuterte im Panel auf dem Radiologienetz-Tag, dass die Vorteile der Verlagerung des Recruiting-Prozesses auf die digitale Schiene alle Beteiligten (Bewerber und Praxen) überzeugen und am Ende erheblich Zeit und Kosten sparen.
- Remote Meetings – hybride Teamrunden, die auch Personen mit Kindern außerhalb der eigenen Schicht eine örtlich flexible Teilnahme ermöglichen
- Homeofficefür das ärztliche und nicht-ärztlichen Team z.B. Befundung, Terminvereinbarung/Call Center oder Aufgaben im Bereich der Buchhaltung. Wichtig ist es hier, Datenschutzvorgaben und das ärztliche Prinzip der persönlichen Leistungserbringung zu berücksichtigen.
Manchmal spielt dann auch die KV einfacher als gedacht mit. So berichtet Dr. David Werner im Diskussionspanel: „Vor 1,5 Jahren hatten wir einen extremen Glatteistag und es war für alle gefährlich, in die Praxis zu fahren. Ich dachte mir, dass wir es doch KV-rechtlich hinkriegen müssten, in bestimmten Situationen wie beispielsweise dieser, von zuhause aus auch KV-Patienten befunden zu können. Als ich es dann anging und mit der KV verhandelte, war es entgegen meiner Erwartung, es durchboxen zu müssen, kein wirkliches Problem. Man hatte selbst schon erkannt, hier flexibler sein zu wollen. Meine Erfahrung ist, dass die im Homeoffice erledigte Arbeit oft deutlich effektiver erledigt wird. Allerdings ist Vertrauen eine wichtige Voraussetzung dafür“.
Damit verweist er auf mögliche negative Spannungsfelder, die im Zusammenhang mit New Work antizipiert und bearbeitet werden müssen. Gemäß Hays HR-Report 2021 sind dies beispielsweise Themen wie Neid im Team, fehlendes Vertrauen seitens der Führungskräfte, erhöhter Arbeitsdruck durch aufweichende Grenzen zwischen Arbeitsplatz und Zuhause.
Mit „Auf Knopfdruck – der Radiologie-Podcast“ arbeitet Martin Methlow unter anderem diese Themen auf. Der sogenannte Radfluencer ist seit Januar 2025 im RADiness-Team nach vielen Jahren als leitender MTR in einer Großpraxis. Bei ihm im Gespräch sind Ärzte, MTR und Manager zum Thema Remote Scanning. Falls also jemand daran interessiert ist, in die Tiefe der Argumentation einzutauchen, lohnt sich das Nachhören auf jeden Fall!
Am Ende – und da war sich das Panel auf dem Radiologienetztag einig - bedeutet New Work in der Radiologie eine intelligentere, partizipativere Organisation. Prozesse müssen klar bleiben – vor allem in Bereichen wie Hygiene, Datenschutz und Qualitätssicherung. Gleichzeitig braucht es Gestaltungsspielräume, in denen Mitarbeitende Verantwortung übernehmen und Ideen einbringen können.
Zum Podcast mit Martin Methlow



