Destatis: Prompte Reaktion auf unser Lobbying

Referatsleitung nimmt Stellung und stellt partiell Verbesserungen in Aussicht

Bereits im Mai haben wir sowohl im E-Mail-Newsletter als auch in der Printausgabe auf den neuen Bericht des Deutschen Statistischen Bundesamts (Destatis), seine Bedeutung und berechtigte Kritikpunkte an der Darstellung der ärztlichen Einnahmen und Aufwendungen nach Fachgruppen hingewiesen. Der Bericht, bei dem immer wieder die Radiologen als Spitzenverdiener erscheinen, wird bundesweit von Medien, Selbstverwaltung und Politik als Quelle herangezogen wird, insbesondere beim Fachgruppenvergleich.

Wie versprochen haben wir im Rahmen unseres berufspolitischen Lobbyings verschiedene Argumente (Details im Bericht vom Mai) dem Statistischen Bundesamt vorgetragen. Prompt erhielten wir Antwort. Diese wollen wir Ihnen nachfolgend im Originalwortlaut wiedergeben. Bei der Lektüre werden Sie feststellen, dass viele unserer Kritikpunkte nachvollzogen und teilweise sogar behoben werden. Das ist erfreulich. Die aus Sicht der niedergelassenen Radiologen wichtigsten Punkte bleiben jedoch weiterhin außen vor: Der Geschäfts- und Firmenwert (Goodwill, Arztsitz), den ein Radiologe bei Einstieg bezahlen und dann in Form eines Kredits mit Zinslast tilgen bzw. abschreiben muss und der kalkulatorische Unternehmerlohn als Entgelt für das Risiko mit einer kapital- wie personalintensiven radiologischen Großpraxis. Beide wären vom Einkommen abzuziehen. Konkret heißt das, dass der Radiologengewinn für jede Million € mehr an Praxiseinstieg gegenüber anderen Arztgruppen um jährlich 120.000 € (Laufzeit 10 Jahre, 4% Zins, nur Goodwill ohne Assets) und um einfach geschätzten 3% Risikoentgelt (Zinsaufschlag für Branchenrisiko auf jede Million), also insgesamt um 150.000 € mehr zu reduzieren wäre. Konkret: Weist das Destatis für 2019 einen Radiologenreinertrag vor Steuern von 405.000 € aus, dann läge dieser korrekterweise nach oben genannten Abzügen bei 255.000 €. Rechnerisch wäre der Praxiseinstieg zwar dann nach 10 Jahren bezahlt, aber das Kapital bliebe gebunden und trüge weiterhin das Risiko des Wertverlustes und die Notwendigkeit von (immateriellen) Ersatzinvestitionen in sich. Daher muss es sich nachhaltig verzinsen und vom buchhalterischen Radiologengewinn abgezogen werden. Insofern werden wir mit dem Fachbeirat weiter Lobbying für die Berücksichtigung dieser tatsächlichen und vom Reingewinn des Radiologen abzuziehenden Kosten betreiben, damit der Radiologe in der Einkommensstatistik der Ärzte korrekt dargestellt wird und mit ihr keine weiteren Honorarkürzungen des „reichen“ Radiologen begründet werden können.

 

Ansprechpartner: Dr. Johannes Schmidt-Tophoff

 

 

Stellungnahme der Referatsleitung

"Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt-Tophoff,  

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 03.05.2022 und Ihr Interesse an der Kostenstrukturstatistik im medizinischen Bereich. Im Grundsatz verstehen wir Ihr Anliegen, die Ergebnisse für die Radiologie-Praxen im geeigneten Kontext lesen und interpretieren zu müssen.  

Einige Ihrer Kritikpunkte haben wir dennoch mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Der Verzicht der Veröffentlichung der Ergebnisse nach Praxisinhaber, den Sie beanstanden, ging auf einen Wunsch des Radiologenverbands zurück. Die Ergebnisse können mit den veröffentlichten Angaben weiterhin nach Praxisinhaber selbst berechnet werden. Ebenso haben wir für das Berichtsjahr 2019 auf Wunsch des Verbands eigene Veröffentlichungstabellen in unserer Fachserie für den Bereich der Praxen für Radiologie erstellt (Tabellen 14.4-14.6):  

https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Dienstleistungen/Publikationen/Downloads-Dienstleistungen-Kostenstruktur/kostenstruktur-aerzte-2020161199004.pdf?__blob=publicationFile   

Die Kostenstrukturstatistik im medizinischen Bereich ist durch das Kostenstrukturstatistikgesetz geregelt. Dieses Gesetz wurde 2021 angepasst, um dem nationalen Bedarf besser gerecht zu werden und um den neu hinzugekommenen Anforderungen an die Statistik durch europäischen Datenbedarf gerecht zu werden. Denn die Kostenstrukturstatistik im medizinischen Bereich ist ab Berichtsjahr 2021 Bestandteil der europäischen Unternehmensstrukturstatistiken und wird zukünftig Daten an Eurostat zu den Wirtschaftszweigen, für die sie verantwortlich ist, senden. Deshalb wurde der Merkmalskranz überarbeitet und die Merkmale und Merkmalsdefinitionen wurden mit denen der anderen Unternehmensstrukturstatistiken harmonisiert nach der europäischen Verordnung (EU) 2019/2152 über europäische Unternehmensstatistiken (EBS-Verordnung). Zusätzlich wurde dem geänderten nationalen Datenbedarf Rechnung getragen. Um valide Ergebnisse für den benötigten hohen Detaillierungsgrad zur Verfügung stellen zu können, ohne die Belastung der Praxen wesentlich zu erhöhen, wurde beschlossen, die Verkürzung der Periodizität auf jährlich und die leichte Erhöhung des Stichprobenumfangs auf 7% durch die Zusammenfassung von weniger wichtigen Merkmalen auszugleichen. Ihren Wunsch „dass die angekündigte Verkürzung des Zeitraums bis zum nächsten Destatis-Bericht auch umgesetzt wird." können wir somit bestätigen. Nach heutigem Stand wird ab Oktober 2022 die Erhebung für BJ 2021 starten, Ergebnisse werden 2023 verfügbar sein.  

An den Merkmalen zu den Aufwendungen wird sich im Wesentlichen folgendes ändern: Bei den Sachaufwendungen bleiben die Aufwendungen für Miete und Material unverändert, die restlichen Aufwendungsmerkmale werden etwas vereinfacht. Die Aufwendungen für Energie, für Versicherungen etc., für praxisnahe KFZ-Haltung und für absetzbare Abschreibungen auf die Praxiseinrichtung werden separat erhoben. Alle anderen werden unter sonstigen betrieblichen Aufwendungen zusammengefasst.

Sie bitten um Ergänzung von Erläuterungen in der Fachserie z.B. zu stark angestiegenen Energiekosten seit dem Berichtsjahr 2019. Dies betrifft alle Arztpraxen. Jeder Leser der Ergebnisse kann zur Kenntnis nehmen, auf welchen Bezugszeitraum sich die Ergebnisse beziehen - 2019 - und es ist klar, dass es seitdem Preisbewegungen für Energie, Material usw. bis zum aktuellen Rand gegeben hat. Einen ausdrücklichen Hinweis darauf halten wir für nicht erforderlich. Die Preissteigerungen werden zudem in Form gestiegener Aufwendungen in den Nachfolgeerhebungen berücksichtigt.  

Als vollständig neues Merkmal kommen Bruttoinvestitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögensgegenstände im Berichtsjahr hinzu. Bei den immateriellen Vermögengegenständen sind der Geschäfts- oder Firmenwert ausgeschlossen. (EU-Definition von Bruttoinvestitionen in langfristige immaterielle Vermögenswerte außer dem Geschäfts- oder Firmenwert: Bruttoinvestitionen in langfristige immaterielle Vermögenswerte außer dem Geschäfts- oder Firmenwert umfassen alle Ergänzungen zu langfristigen immateriellen Vermögenswerten außer dem Geschäfts- oder Firmenwert, die von der statistischen Einheit als solche erfasst werden. Die Ergänzungen umfassen unter anderem Erwerb, Finanzierungsleasing, Verbesserungen, Veränderungen, Ergänzungen, Renovierungen, Bauwerke, Selbstbau und kapitalisierte Ausgaben soweit nach den geltenden Rechnungslegungsstandards, in denen die Verbuchungs- und Bewertungskriterien sowie der Begriff „Geschäfts- oder Firmenwert“ definiert sind, zulässig.)  

Sie führen in Ihrem Schreiben an, dass speziell bei Radiologen wegen teurer Geräte enorm hohe Investitionskosten nicht berücksichtigt würden. Hier wird durch das neu eingeführte Merkmal "Investitionen im Berichtsjahr" Abhilfe geschaffen. 

Um der geänderten Bedeutung der Organisationsformen der Praxen besser gerecht werden zu können, wird bezogen auf die ärztliche Tätigkeit der Praxen in Zukunft das Fachgebiet gemäß Weiterbildungsordnung abgefragt, das den Schwerpunkt der ärztlichen Tätigkeit in der Praxis bezogen auf die Einnahmen ausmacht. Wir werden dann bei den Fachrichtungen auch Ergebnisse für MVZ veröffentlichen können. Unterscheiden lässt sich dann nicht mehr zwischen MVZ, in denen nur Ärzte der gleichen Fachrichtung arbeiten z.B. reine Radiologen-MVZ und MVZ, in denen Ärzte verschiedener Fachgebiete zusammenarbeiten. Bei Letzteren wäre dann die Fachrichtung für die Zuordnung des gesamten MVZ verantwortlich, die den größten Anteil an den Gesamteinnahmen hat.  

Änderungen an der Statistik, z.B. die Berücksichtigung des Kassenarztsitzes (kein statistisches Merkmal), sind nur durch eine Änderung des Kostenstrukturstatistikgesetzes möglich. Eine solche kann nicht das Statistische Bundesamt veranlassen, sondern sie sollte über das BMG an das BMWK herangetragen werden. Für die Befragung zum Berichtsjahr 2021 ist der Fragebogen final, es kann so kurzfristig kein neues Merkmal berücksichtigt werden. Für die langfristige Aufnahme des Merkmals könnte sich das Radiologienetz mit dem BMG / der KBV in Verbindung setzen.  

Sie kritisieren außerdem, dass "bestimmte Teile der EBM Reform noch nicht umgesetzt seien" (S. 4 oben). Dies ist vom Statistische Bundesamt nicht zu beeinflussen.  

Wir hoffen, hierdurch Ihre Bedenken ausräumen und die Zusammenhänge klären zu können. Gerne können wir uns auch weiter dazu per Mail oder auch per Videokonferenz austauschen. Allerdings sind wir aktuell durch die Vorbereitung der anstehenden Erhebung ab Herbst 2022 personell stark gebunden.  

Mit freundlichen Grüßen  

Im Auftrag Dr. Silke Gehle-Dechant;

Referatsleiterin Kostenstruktur, Informationsgesellschaft; Statistisches Bundesamt (Destatis)"

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