13. Radiologentag in Heidelberg – Rückblick und Nachlese

Der diesjährige Radiologentag am 19. November bot eine der wertvollen Gelegenheiten, sich mit anderen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie auch nicht-ärztlichen Praxismitarbeiterinnen und Praxismitarbeitern persönlich auszutauschen. Auch online waren Teilnehmer und Redner zugeschaltet zur Besprechung von Themen der Praxisdigitalisierung und Praxisstrategie. Rund 80 Teilnehmende reisten direkt nach Heidelberg in die Design Offices, einige bereits am Abend zuvor für ein entspanntes Miteinander bei Sushi und anschließendem Besuch einer Weinlounge.

Mehr Effektivität in der Radiologie – Ansätze, Hintergründe, Synergien

Den Einstieg in das aktuell stark vordergründige Thema Energiekosten übernahm Carsten Topp, Leiter Vertrieb des unabhängigen Energiedienstleisters Ampere AG. Er teilte interessante Hintergrundinformationen und verband sie in Zusammenhänge, welche die aktuellen Geschehnisse am Markt erklären, beispielsweise die Preisgestaltung nach dem Merit-Order-Prinzip und die enge Abhängigkeit zwischen Gas- und Stromproduktion. Dank gefüllter Gasspeicher und den wegfallenden Gasspekulationen russischer Lieferanten sei künftig wieder mehr Stabilität bei Gas- und Strompreisen zu erwarten – allerdings auf einem deutlich höheren Niveau als 2021. Er riet dazu, Gas- und Stromverträge maximal über 24 Monate abzuschließen.

Im Anschluss stellte Curagita Vorstand Frank Vogel Konzepte zur Senkung und Optimierung der Energie-Kosten für radiologische Praxen vor. Durch Anschaffung neuer energiesparender MRT-Geräte ließen sich Modellrechnungen zufolge jährlich bis zu 19.000 € für Stromkosten einsparen. Auch die in Radiologenkreisen durchaus lange Zeit verschmähten Niederfeld-MRT kamen als verbrauchsgünstige Variante zur Sprache. Als dritten Ansatz verwies Herr Vogel auf Konzepte praxiseigener Energiegewinnung für die Stromversorgung (PV) und die Wärmerückgewinnung (MRT-Abwärme). Spezialisten der Curagita können Interessierte hierbei mit Know-how und Projekterfahrung unterstützen. Dass neben diesen investitionsintensiven Methoden auch bestehende MRT-Systeme auf deutlich geringere Energieverbräuche optimiert werden können, stellte Herr Vogel am Ende seines Vortrags noch einmal deutlich heraus.
 

 

Mehr Effizienz durch in Praxisumgebung integrierte Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das alle seit Jahren aufmerksam verfolgen, das jedoch im Praxisalltag aus verschiedenen Gründen noch nicht angekommen ist. Mit Spannung wurde daher der Beitrag von Dr. Michael Perkuhn zum Thema Künstliche Intelligenz in der Radiologie erwartet. Der CEO von DAYIANA, einem 2021 gegründeten Spin-off durch das Philips AI Venture Executive Team, stellte seine KI-Plattform vor, die ohne Cloud auf lokalen Systemen arbeitet. Anfangs reflektierte Dr. Perkuhn aktuelle Herausforderungen. Inzwischen gäbe es exzellente KI-Lösungen für die Bereiche Bildgebung, Befundung, Berichterstellung – „ein ganzer Zoo an Systemen“ – aber die Workflow-Integration, die Integration in die Praxis-Systeme und der Datenschutz bzw. Datensicherheit wären die wesentlichen Herausforderung von heute. Seine KI-Plattform der 4. Generation könne Daten und Künstliche Intelligenz nahtlos in den radiologischen Workflow (PACS / RIS) integrieren und die intelligenten Programme hochperformant im Hintergrund laufen lassen. Ob sich ein solcher Workflow auch für eine große Praxis mit einem Standort lohne, fragte man aus dem Publikum. Die Antwort war positiv. Umsetzungsfrist: circa ein Jahr. Allerdings, so die Aussagen aus der anschließenden Diskussionsrunde, seien die Fragen der Abrechnung noch nicht geklärt; Gespräche mit den KVen liefen derzeit.


Mehr-Wert: Praxiswert und Unternehmertum im Radiologienetz

Ein  Zukunftsprojekt mit Kapitalbeteiligung stellte Curagita-Vorstand Dr. Johannes Schmidt-Tophoff den anwesenden und zugeschalteten Netzmitgliedern vor. Im Zentrum die Frage, welche unternehmerischen Chancen und Möglichkeiten im Netz zur Verfügung stünden, nachdem die DeRaG/Conradia im Frühjahr verkauft wurde. Sein Vorschlag: ein genossenschaftlicher Fonds „CuraValue“ in der Form einer AG zum Zwecke der gemeinsamen (Minderheits-)Beteiligung an wachstums- bzw. renditestarken Firmen mit Radiologie(praxis)bezug und Synergien mit den Radiologen des Radiologienetzes. Mögliche Beteiligungen in Höhe von 10 Mio. € stehen zur Disposition.

Vorgängig sprach Dr. Schmidt-Tophoff über den Umgang mit Investorengeboten und konventioneller Praxisbewertung bei anstehendem Praxisverkauf und deren Für und Wider, ausführlich nachzulesen im Schwerpunkt-Artikel der soeben erschienenen Mitgliederzeitschrift CuraCompact. Er verwies dabei auch auf eine am Vortag stattgefundene Expertendiskussion mit Praxisberatern und Sachverständigen, bei der ein breiter Konsens in den allermeisten Punkten zu dieser Thematik festgestellt werden konnte.


Mehr Zuweiserorientierung: Wissensmanagement, Transparenz, zielgerichtete Maßnahmen

„Was ist Ihr praxisindividuelles Rezept im Umgang mit Zuweisern?“ Netzmanagerin Eva Jugel lenkte in ihrer Präsentation den Blick auf die Zuweiser und ihre Anforderungen an die Zusammenarbeit mit radiologischen Praxen, wie Verfügbarkeit von Terminen, medizinische Qualität oder Kommunikations- und Service-Gestaltung. Sie versuchte sich mit einer Typisierung und leitete für die identifizierten unterschiedlichen Zuweisertypen verschiedene Anknüpfungspunkte zur Verbesserung der Zuweiserorientierung ab: die fachliche Kompetenz, persönliche Verbindungen, gemeinsame wirtschaftliche Interessen und eine hohe Effizienz der Zusammenarbeit. Sie stellte den Aufbau des systematischen Wissenspools über die Zuweiserschaft in der Conradia exemplarisch vor: von der ABC-Analyse bis zur Dokumentation von Informationen im RIS. Als ein aus Marketingsicht effizientes Tool nannte sie das Zuweiserportal als Grundlage für eine kundenorientierte, rechtssichere und skalierbare Zuweiserbindung.

 

Mehr Stimme: Radiologienetz und Berufspolitik

Curagita-Vorstand Dr. Michael Kreft durfte nach der wohlverdienten Mittagspause alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer neu fokussieren. Im Zentrum seiner Redezeit standen eine ganze Reihe von Themen: Zuerst hatte das Musikvideo zu Martin Gallops MRT Song „Welt“ Premiere. Das als Auftragsarbeit produzierte Video wurde in einer Siemens Healthineers-Attrappe gedreht. Wer aufmerksam hinschaute, erkannte wohl einige der Curagita Mitarbeiter in Statistenrollen. Die lockere Art der Darstellung soll  der Befangenheit bei MRT-Untersuchungen entgegenwirken.

Nach diesen klangvollen Minuten wurden die radiologischen DeRaG-Aufsichtsräte Dr. Stefan Schneider, Dr. Peter Nunninger, Dr. Frank Rosa und Dr. Friedhelm Roloff für ihre langjährige Tätigkeit gewürdigt. Im Anschluss stellte Dr. Kreft Jürgen Witt aus der Radiologie Franken-Hohenlohe als von seinen radiologischen Kollegen im Netz einstimmig gewählten neuen radiologischen Aufsichtsrat der Curagita vor.

In Bezug auf die berufspolitische Rolle und Ambition des Fachbeirats sprach Dr. Kreft von einem Kurswechsel zurück zur aktiven Netz-Steuerung. Der Fachbeirat soll künftig als Vermittler von Interessen auftreten. Diesem Ansatz folgt eine öffentliche Präsenz der Befindlichkeiten radiologischer Praxen, welche unter anderem Themen wie Energiekosten, Nachwuchs, nichtärztlicher Personalmangel, Honorar, EBM, Fallzahlen, Außenwahrnehmung der Radiologen und Praxisfinanzierung in die öffentliche Diskussion bringen soll. Ein Umsetzungsplan folgte umgehend auf den folgenden Slides. Außerdem forderte Dr. Kreft insbesondere die jüngeren Partnerinnen und Partner in den radiologischen Mitgliedspraxen dazu auf, beim Fachbeirat mitzumachen.

Praktisch schloss er seinen Teil mit der Vorstellung der neuen Netzkampagne #Mein Herz schlägt Radiologie zur sympathischen Promotion verschiedener  Berufsbilder in einer radiologischen Praxis wie MTRA, MFA, Anmeldung/Telefon, Praxismanagement in den sozialen Medien.

 

Mehr Zukunftsoptionen: MVZ oder Freiberuflichkeit

Am Nachmittag drehten sich die Podiumsdiskussion und Keynotes um die Frage, ob die Zukunft der Radiologie in der Freiberuflichkeit oder in Medizinischen Versorgungszentren zu finden ist. Immerhin hat der Anteil der in Besitz von Private Equity befindlichen MVZ in der Radiologie in den letzten Jahren stark zugenommen und liegt jetzt bei knapp 30 Prozent mit vielen Konsequenzen auch für Niedergelassene.

Live zugeschaltet wurde Prof. Dr. Helge Sodan, Direktor des Deutschen Instituts für Gesundheitsrecht, Berlin, welcher ein Gutachten mit dem Titel „Gefährdungen der Freiberuflichkeit in der vertragsärztlichen Versorgung durch MVZ“ verfasst hat. Der Eintritt „versorgungsfremder“ Akteure in die ambulante Versorgung führt seinem Gutachten zufolge dazu, dass nunmehr Gewinninteressen in den Vordergrund der Tätigkeit rückten. Hiermit gerieten die Gewinninteressen nahezu zwangsläufig mit der ärztlichen Therapiefreiheit in eine Spannungslage. Denn Ärzte, unabhängig davon, ob sie an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen oder nicht, verfügten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit über die „innere Unabhängigkeit“, nach pflichtgemäßem Ermessen weisungsfrei handeln zu können. Dieses als ärztliche Therapiefreiheit bezeichnete Privileg ist im Wesentlichen durch die grundgesetzlich gewährleistete Berufsfreiheit geschützt.

 

Prof. Sodan wies darauf hin, dass die bisherige Rechtslage Gefahren, die durch die Beteiligung von Investoren an der vertragsärztlichen Versorgung hervorgerufen werden, nicht oder nur ungenügend aufgreife. Ohne ein aktives gesetzgeberisches Eingreifen in die Versorgungsstruktur ließen sich die ärztliche Therapiefreiheit, die Berufsfreiheit aller Akteure sowie die berechtigten Erwerbs- und Gewinninteressen nicht in Einklang bringen. Er schlug die Regelung eines räumlich-fachlichen Bezugsder Trägergesellschaft zu dem MVZ vor, um die Aktivitäten von Investoren effektiv auf das gesetzlich eigentlichvorgesehene Betätigungsfeld des jeweiligen Krankenhauses zu beschränken.

 

Dr. Schmidt-Tophoff moderierte die anschließende Podiumsdiskussion mit drei Gästen. Die Teilnehmer bildeten verschiedene Perspektiven ab: Dr. Thilo-Andreas Wittkämper war ehemals Partner in der Radiologie Herne, bevor sich diese als eine der ersten Praxen bundesweit an einen Privat Equity finanzierten Betreiber verkaufte. Inzwischen hat die Blikk-Gruppe mit einer anderen Kette (MRH) fusioniert und reklamiert als Evidia GmbH, einer der führenden Radiologiebetreiber in Deutschland zu sein. Er sagte unter anderem: „Im Ruhrgebiet habe ich keine Ärzte gefunden, die aus der Anstellung in meinen Praxen Gesellschafter werden wollten.“ Als dann Investoren hartnäckig Übernahmeangebote vorlegten, habe er irgendwann verkauft. Professor Dr. Oliver Mohrs, einer der sechs Partner der Radiologie Darmstadt (5 Standorte, 11 angestellte Ärzte) steht für die moderne radiologische große Praxis in der Hand von Radiologenunternehmern ebenso wie sein Kollege Jürgen Witt aus der Radiologie Franken-Hohenlohe (7 Partner, 5 Standorte, 9 angestellte Ärzte), einem der Praxisgründer, der gerade einen Generationswechsel im Partnerkreis erlebt, in dem er plötzlich der Senior ist. Einig waren sich alle drei: Junge Ärztinnen und Ärzte wünschen sich flexible Arbeitszeitmodelle und sind daher heute weniger bereit, als Gesellschafter in Praxen einzusteigen. Stattdessen bevorzugten viele eine Anstellung in einem MVZ. Um hier entgegenzuwirken, müssen sich auch die Niedergelassenen ändern, so Jürgen Witt: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass Zeitaufwand als Gesellschafter bei der jüngeren Generation nicht mehr so hoch gewünscht ist.“ Die Wagenburg-Mentalität müsse abgelegt und ein offener Umgang für interessierte Ärzte, die Gesellschafter werden wollen, an den Tag gelegt werden. Die Gefährdung der medizinischen Qualität durch Investoren wurde von allen Diskutanten bestätigt, doch komme man ohne diese in Zukunft nicht aus. Personalprobleme seien der alles entscheidende kritische Punkt. Dr. Schmidt-Tophoff sprach vom ‚War for Talents‘ und Dr. Mohr ergänzte, man müsse generell von außen die Medizin wieder attraktiv machen, weil medizinisches Personal den altruistischen Ansatz nicht mehr gängig präsentiere.

 

Workshop-Programm für Praxismanager setzt Fokus auf Personalrecruiting und Remote Scanning

Parallel zum Tagungsprogramm fand der Praxismanagement-Austausch statt. Im Zentrum stand einmal mehr das Thema „Mehr Herz: Personal finden und motivieren“. Hier können Sie auf die ersten Pilot-Videos zugreifen: Unser Herz schlägt Radiologie und Mein Herz schlägt Radiologie - Berufsbild MTRA. Diese entstanden in Zusammenarbeit mit den Praxen Landau und Darmstadt und sind die ersten Versionen der geplanten Berufsbild-Kampagne „Mein Herz schlägt Radiologie“. Bei den Protagonisten wird deutlich, was am Ende zählt, um Personal motiviert zu halten: ein fairer Umgang, abwechslungsreiche Aufgaben und ein gutes Team, in dem man sich wohlfühlt. Wie man ein solches Praxisklima gestalten kann und welchen Beitrag das Praxismanagement dazu leisten kann, wurde im Plenum diskutiert.

Darüber hinaus stellte Projektleiter Boris Kögler seinen neuen Mitarbeiter, den MTRA Alexander Hubmer aus dem Remote Scanning Pool vor. Beide standen Rede und Antwort zum Thema, wie Praxen mit MTRA-Mangel durch das neue Angebot geholfen werden kann. Interessant für viele war, dass Remote Scanning sich nicht mehr nur auf Siemens MRT beschränkt, sondern bereits in Pilotpraxen im Netz mit GE und Philips MRT läuft. Was viele auch nicht wussten: man kann das Curagita-MRT-Team buchen oder auch nur die Hard-/Software-Installation buchen und dann mit eigenem Personal Standort übergreifend arbeiten.

 

Zum Schluss

Es war eine vielschichtige Fachtagung mit jeder Menge Gesprächsstoff für die Zukunft der niedergelassenen Radiologie. Wir bedanken uns, dass Sie dabei waren und freuen uns auf den Radiologentag im kommenden Jahr.

Die Präsentationen der Referenten vom Radiologentag liegen den Interessenten aus unseren Mitgliedspraxen unter "Meine Praxis" zur Einsichtnahme bereit.

 

Der Termin für den 14. Radiologentag steht bereits fest: 18. November 2023

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