Zeit für radiologische Selektiv-Verträge

Es gibt zunehmend Selektiv-Verträge mit radiologischer Einbindung. Teilweise werden diese von den Krankenkassen mit großen MVZ-Betreibern wie Evidia direkt geschlossen, teilweise sind Management-Gesellschaften ­dazwischengeschaltet, die Vertragswerke ­zwischen Kassen und Ärzten ausarbeiten, verhandeln und umsetzen.

Viele Praxen im Radiologienetz sind im Bereich Prostata-Diagnostik besonders qualifiziert. Gemeinsam mit Berater Bernd Nagel knüpft die ehemalige RaDiagnostiX-Projektleiterin Dr. med. Barbara Amler neue Kassenkontakte. Die langjährigen Praxen kennen Dr. Amler und das Projekt RaDiagnostiX Prostata noch. Von 2015 bis 2018 wurden Radiologen/-innen im Netz in der Prostatadiagnostik fortgebildet und ein ganzheitliches Konzept für die Patientenbetreuung entwickelt. Ziel war es schon damals, einen Selektiv-Vertrag nach §140 SGB V mit einer bundesweiten Kasse abzuschließen. Doch die Zeit war noch nicht reif. Seitdem wurden von der Fachgesellschaft DRG die Q1/Q2-Zertifikate eingeführt und im Mai 2021 wurde die S3-Leitlinie Prostatakarzinom als Version 6.2 erneuert. Zentral für die ambulante Radiologie sind die neu geregelten Empfehlungen zur mpMRT in der Primärdiagnostik und vor aktiver Überwachung (Active Surveillance) sowie nach negativer Biopsie ohne vorherige mpMRT sowie weitere Indikationen im Therapieverlauf.

Die S3 Leitlinie 6.2, Absatz 5.2.1–5.2.2 empfiehlt die mpMRT zur genaueren therapeutischen Weichenstellung in der Primärdiagnostik des Prostata-Karzinoms mit Befundung nach PIRADS zur Lokalisation aggressiver Tumorherde. Als Anhaltpunkt können die folgenden Zahlen dienen: Die Genauigkeit, aggressive Tumoren zu erkennen, liegt seitens der mpMRT bei 90 % im Vergleich zu 52 % für die alleinige systematische Biopsie (De Rooij, 2014; Lee et al. 2010).

Eine kleine Managementgesellschaft namens Mediqx mit Sitz in Werne, die von RG 20 und BDR unterstützt wird, hat eine beachtliche Anzahl von Selektivverträgen zur Prostata-Diagnostik (mpMRT) mit Betriebskrankenkassen abgeschlossen. Die tatsächlichen Fälle, die daraus resultieren, sind derzeit nicht erheblich. Trotzdem nehmen einige Netzmitglieder teil, nicht zuletzt, um den Boden für ein Zukunftsmodell zu bereiten und Referenzen zu schaffen.

Radiologienetz hat das Thema nun auch wieder auf die Agenda gesetzt. Die ersten Gespräche, die Dr. Amler und Bernd Nagel dazu bereits führten, stießen durchaus auf Interesse der Gesprächspartner/-innen. Denn die Rechnung für die finanziell immer „klammeren“ gesetzlichen Krankenkassen lässt sich so zusammenfassen: Früh und richtig erkannter Prostatakrebs verursacht weniger Folgekosten bei geringerer Belastung für den Patienten.

Die Baby-Boomer kommen langsam aber sicher in das Alter, in dem sie gefährdet sind, an Prostatakrebs zu erkranken. Die Krankenhausfälle steigen entsprechend. Heute verursachen 64.000 Neuerkrankungen pro Jahr ca. 84.000 Krankenhausfälle in Deutschland mit folgendem Ergebnis: 40 % Fehldiagnosen und Übertherapie durch Ungenauigkeiten in der Primärdiagnostik. Es werden zu viele wenig aggressive Tumoren operiert bei gleichzeitig hohem Anteil zu spät erkannter aggressiver Karzinome. Teure operative Überversorgung, wenig Active Surveillance und teure Komplikationsraten sind die Folge. Auf Patientenseite ist die Krankheitslast erheblich.

Um dem sehr hohen Anteil an Fehldiagnosen und Übertherapie entgegenzuwirken, braucht es die spezialisierte Radiologie.

Präzisere Diagnostik mit qualitätsgesicherter mpMRT

Mit dieser Argumentation startet Radiologienetz die Gesprächsreihe bei den großen (Ersatz-)Kassen:

1. Steigerung in der Erkennung wenig aggressiver Prostata-Karzinome, die nicht operiert werden müssen, um weniger operative Übertherapie zu erreichen

2. Steigerung in der Erkennung aggressiver Tumoren mit der Folge des Einsatzes von frühen Therapiemöglichkeiten in kurativer Absicht und mit Senkung fortgeschrittener Stadien

3. Präzisere, gezielte Gewebeentnahme vor OP zur Senkung eines Upgrades des Aggressivitätsgrades im OP-Präparat und damit zur besseren therapeutischen Weichenstellung vor der OP mit Senkung additiver Therapien nach erfolgter OP

4. Senkung der Anzahl von Biopsien, um damit eine höhere Patientenakzeptanz der Methode bei reduzierter Morbidität und geringeren Komplikationsraten zu erreichen

„Wir setzen hier insbesondere auf die harten Zahlen und Fakten“, sagt Bernd Nagel, der mit Dr. Barbara Amler die Einsparpotenziale für Kassen hochgerechnet hat – bei gleichzeitig angemessener Vergütung der mpMRT für die Radiologien. Frau Dr. Amler, die als externe Beraterin für dieses Projekt nochmal tätig wurde, ergänzt: „Ich würde mich sehr freuen, wenn der Boden endlich bereitet ist, und die medizinische und ökonomische Bedeutung der mpMRT in der Prostata-Diagnostik von den Kassen akzeptiert wird und Vertragsabschlüsse zustande kommen.“

Wenn die Gespräche erfolgreich verlaufen, werden natürlich auch weitere Themen folgen wie z. B. die Herzdiagnostik, heute im Rahmen von Selektiv-Verträgen vorwiegend in der Hand der Kardiologie.