Wir müssen reden – über Frauengesundheit

im Interview mit der auf Frauengesundheit spezialisierten Radiologin Dr. Bettina Wolfgarten

Für Dr. Bettina Wolfgarten aus unserer Mitgliedspraxis in Bonn ist Frauengesundheit eine Herzensangelegenheit. In ihrer Praxis begleitet sie Frauen durchgängig – von der Brustkrebsvorsorge über eine allumfassende Diagnostik bis zur engen Kooperation mit behandelnden Fachrichtungen. Dieses breite Leistungsspektrum ist in dieser Form selten und gibt der Praxis ein klares fachliches Profil.

Darüber hinaus verfolgt Dr. Wolfgarten als Geschäftsführerin von f.em - femhealth empowered e.V. (www.f-em.org ) das Vereinsziel, es Frauen zu ermöglichen, „ihr gesündestes Leben zu führen“. Wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung der Frauengesundheit ist, zeigte die 1. Fachtagung des f.em e.V. am 22. Juni 2026 in Bonn. In Vorträgen und Gesprächsrunden wurden medizinische Fragestellungen ebenso beleuchtet wie ihre Auswirkungen auf berufliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Als offizielle Schirmherrin unterstützt Prof. Dr. Rita Schmutzler, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe e.V., die besondere Bedeutung einer gesamthaften Betrachtungsweise von Frauengesundheit.

Im Interview erklärt Dr. Wolfgarten, was sie motiviert, was ihr wichtig ist und ob die Subspezialisierung auch für andere radiologische Praxen ein tragfähiger Weg in die Zukunft sein kann.

Was treibt Sie persönlich an beim Thema Frauengesundheit?

Dr. Wolfgarten: Es sind drei verschiedene Aspekte, die das Thema Frauengesundheit im Allgemeinen und Brustkrebsfrüherkennung im Speziellen für mich so wichtig machen und die alle dazu führen, dass ich mich jeden Tag mit anhaltendem Enthusiasmus dem Thema widme:

  • die geschlossene Behandlungskette von der Diagnostik über die Biopsie bis zur präoperativen Drahtmarkierung;
  • die Vielfalt der Aufgaben – also nicht nur diagnostisch, sondern auch minimal-invasiv und vor allem kommunikativ tätig zu werden, und damit ein Maximum an Purpose;
  • die Zusammenarbeit mit den Frauen, die eine aktive Rolle in ihrem eigenen Gesundheitsmanagement einnehmen.

 

Beim Thema Mamma-CA können wir Radiolog/innen die gesamte Diagnostikkette von A bis Z abbilden und mitgestalten, ohne Abbruch: Wir diagnostizieren das Mamma-CA, beispielsweise in der Mammographie, und komplettieren die Diagnostik durch die komplementären Verfahren – Sonographie und ggf. MRT. Wir bestätigen den Befund durch die Biopsie, entweder als sonographische Stanzbiopsie oder mammographisch gesteuerte VSB, sofern erforderlich auch als MR-VSB.

Wir machen die Ausbreitungsdiagnostik durch das Staging-CT und monitoren den Verlauf, sofern ein neoadjuvantes Vorgehen gewählt wird, bis zum Tag der OP. Am Tag der OP – am Tag Z – führen wir schließlich die präoperative Drahtmarkierung des Clips durch, den wir am Tag A im Rahmen der (Stanz-)Biopsie eingelegt haben.

Diese Form der Patientinnenbegleitung als ein geschlossener Vorgang finde ich unglaublich faszinierend. Dieser Vorgang unterscheidet sich für mich sehr von den Aufgaben, die uns sonst oft zukommen, wo wir als Radiolog/innen zwar einen enorm wichtigen, aber oft nur punktuellen Einsatz haben.

Und die oben genannte Betreuungskette zeigt die Vielfalt der Rollen, die wir einnehmen:

Wir sind Diagnostiker, und unsere Expertise und Präzision entscheidet darüber, in welcher Größe ein Mamma-CA gefunden wird. Einen größeren Purpose für die tägliche Arbeit kann ich mir kaum vorstellen: Ob ein Mamma-CA im Stadium pT1a N0, also mit weniger als 5 mm Ausdehnung und ohne LK-Befall, diagnostiziert wird oder eben erst deutlich später, hat nicht nur für das Outcome, sondern auch für die Schwere der Therapie eine maximale Relevanz.

Hier drängt sich sicher zwangsläufig die Frage auf, ob dies nicht auch die KI kann. Die Diskussion hierüber läuft, und es ist gut, sie zu führen.

Wir sind gleichzeitig aber auch interventionell tätig: Den 5 oder auch 3 mm kleinen Befund zu biopsieren – das wird uns keine KI abnehmen. Und drittens, und das ist für mich ein ganz fundamentaler Aspekt unserer Arbeit, der meines Erachtens der am meisten unterschätzte ist: Wir sind erster Ansprechpartner. Man muss sich in die Situation nur einmal selbst hineinfühlen. Eine Frau kommt – anders als sonst beim Gang zum Arzt bzw. zur Ärztin – ohne jede Beschwerde und ohne jede Vorahnung in die Praxis. Es ist einfach der zweijährige Mammographie-Termin. Sie fühlt sich gut und ist nur mal eben zwischen zwei Terminen erschienen. Dann wird ein Bild gemacht, und plötzlich ist der Bruch zwischen der gefühlten Wahrheit und der tatsächlichen Wahrheit auf dem Monitor sichtbar. Diese Frau wird die Praxis als eine andere verlassen, als sie sie betreten hat, und sie war darauf nicht vorbereitet. Und dazwischen steht der Kontakt mit uns Radiolog/innen. Es liegt an uns und an unserer kommunikativen und emotionalen Kompetenz, wie die betroffene Frau diesen Moment erlebt und mit welchem Gefühl sie die Praxis verlässt, wenn sie erfahren hat, dass sie eine von der abstrakten Zahl 75.000 Neuerkrankten ist. Unsere Kommunikation in diesem akuten, ersten Moment wird einen Einfluss darauf haben, mit welchem Gefühl sie sich auf den Weg macht, der einer solchen Diagnose folgt, und auf ihre Anpassungsleistung. Im weiteren Verlauf kommen viele Akteur/innen auf das Spielfeld, aber der erste, entscheidende Moment der Befundmitteilung liegt bei uns Radiolog/innen. Wir sollten die relevante Rolle, die wir bei der Mitteilung von Diagnosen einnehmen, viel stärker mitdenken, wenn wir darüber nachdenken, wie unser Selbstverständnis in Zeiten von KI ist und sein wird.

Der dritte Aspekt, der mich an der Frauengesundheit fasziniert, sind die Frauen selbst: Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr Frauen bereit sind, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen. Frauen gehen zur Früherkennung – anders als leider viele Männer. Sie informieren sich über technische Neuerungen wie z. B. die Tomosynthese und fragen diese aktiv an, und sie zeigen oft eine große Bereitschaft, auch nach einer Diagnose Mamma-CA aktiv zum Heilungsprozess beizutragen. Das sind tolle Voraussetzungen, die es zu heben gilt und die dazu führen, dass es Spaß macht, mit und für Frauen zu arbeiten. Ein Leitsatz bei uns ist: die Frauen aus der Rolle der Ohnmacht des Behandelt-Werdens hinzubringen in die Position der handelnden Patientin. Auch dabei nehmen wir durch unsere Kommunikation eine entscheidende Rolle ein. Ist diese top-down, nach dem Motto „Jetzt machen wir einen Termin für Ihre Biopsie, und dann bekommen Sie ein Staging-CT“, oder gelingt uns eine Kommunikation auf Augenhöhe, in der die Frauen den Eindruck erhalten, durch Expertise gehalten zu werden, dabei aber auch selbst mitzugestalten und in Entscheidungen eingebunden zu sein, im Sinne des Informed Shared Decision Making?

Ist die interdisziplinäre Verschränkung beim Thema Frauengesundheit der bessere Weg als z. B. rein auf die Brust beschränkte Früherkennungsprogramme wie das Mammographie-Screening?

Dr. Wolfgarten: Das seit 2005 betriebene flächendeckende, bevölkerungsbezogene Screening ist ein Meilenstein in der Gesundheitsversorgung für Frauen, und ich bin uneingeschränkt dankbar und glücklich, dass wir nun schon seit über 20 Jahren ein solches Programm in Deutschland haben. Zur Wahrheit gehört aber auch – und das wird niemand ernsthaft bestreiten – dass es sich dabei um ein Basisprogramm handelt. Natürlich können wir die Ergebnisse verbessern, wenn wir neben der Mammographie zeitgleich einen Ultraschall als komplementäre Maßnahme durchführen oder die Tomosynthese einsetzen, und natürlich ist es angenehmer, wenn man direkt am Tag der Untersuchung durch eine/n Radiolog/in, den bzw. die man schon viele Jahre kennt, die „all clear“-Diagnose erhält – oder aber, sollte dies nicht der Fall sein, eine Einordnung des Befundes und der weiteren Schritte, die sich daran anschließen (s. o.). Aber eine solche Form der intensivierten Betreuung ist schlichtweg für über 12 Millionen teilnahmeberechtigte Frauen nicht darstellbar. Damit niemand durchs Raster fallen muss, ist das Mammographie-Screening eine gute staatliche Maßnahme, die zu Recht fest etabliert ist.

Nicht gelten lassen kann ich das Argument der Qualitätssicherheit. Unbestritten ist die Qualitätssicherung im Screening hoch. Gleiches gilt aber auch für die sogenannte kurative Mammographie. Ich befunde 10.000 Tomosynthese- bzw. Mammographieaufnahmen / Jahr und muss dennoch alle zwei Jahre wiederkehrend zur Mammographie-Prüfung der KV, wo wir 200 Mammographieaufnahmen vorgelegt bekommen und immer wieder aufs Neue unsere hohe Expertise im Sinne der Sensitivität und Spezifität unter Beweis stellen müssen. Daneben werden – anders als in allen anderen Bereichen der Radiologie – fortlaufend Anforderungen aus der Abteilung Qualitätssicherung an uns gestellt, an die wir Bilder und Befunde einreichen. Sofern man interventionell tätig ist und Biopsien durchführt, werden zudem auch diese Ergebnisse eingefordert, und die Indikation sowie die Rate falsch und richtig positiver Befunde wird überprüft. Die Qualitätsprüfung beschränkt sich dabei nicht nur auf das ärztliche Tun, sondern ebenso auf die Arbeit der MTR, also die Einstelltechnik, Kompression und Strahlenbelastung, sodass wir auch hier fortlaufend schulen.

Sind arbeitsplatzbezogene Themen ein Beitrag zur Reduktion von Fehlzeiten und Personalmangel, indem Frauen motiviert und bei ihren Bedürfnissen abgeholt werden?

Dr. Wolfgarten: Unbedingt: Wenn sechs Jahre nach der Diagnose Brustkrebs nur 40 % der Frauen wieder in ihrem alten Beruf sind, ist das eine Tatsache, die uns alle zum Nachdenken bringen muss. Hierfür ein Bewusstsein zu entwickeln – in den Führungsetagen, aufseiten HR und in der internen Kommunikation, egal ob Konzern oder kleiner 5-Personen-Betrieb – ist kein „nice to have“, sondern hat höchste wirtschaftliche Relevanz.

Konkret bedeutet das: frühzeitige, individuell abgestimmte Angebote zur Wiedereingliederung, flexible Arbeitszeit- und Rückkehrmodelle sowie eine offene, enttabuisierende Kommunikationskultur. Wer Frauen in dieser Phase aktiv begleitet und ihre Bedürfnisse ernst nimmt, hält wertvolle Erfahrung und Kompetenz im Unternehmen, senkt Fehlzeiten und wirkt dem Personalmangel unmittelbar entgegen.

Gelingt Ihnen durch Ihre thematische Positionierung und Ihr Engagement für Ihre Praxis eine Art Alleinstellung, die man als Praxis heute benötigt, um die Zukunft vor dem Hintergrund sinkender Vergütungen langfristig zu sichern?

Dr. Wolfgarten: Ich denke, dass wir uns als Radiolog/innen viel mehr subspezialisieren müssen. Erfolg folgt Qualität – und wann sind wir als Radiolog/innen erfolgreich? Wenn unsere Befunde für die Zuweisenden nützlich waren. Und das sind sie nicht, wenn wir nur Bilder beschreiben, sondern wenn wir Handlungsempfehlungen abgeben oder aber zumindest die Leitlinien der uns zuweisenden Fächer und die therapeutischen Konsequenzen so gut kennen, dass wir auf die entscheidenden Punkte hinweisen. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Wenn sich die Leitlinien im Hinblick auf die Axilladissektion beim Mamma-CA dahingehend verändern, dass die bildgebende Anzahl der suspekten LK darüber entscheidet, ob einer Frau alle LK entfernt werden oder nur der Wächter-LK, ist es wichtig, dass wir diese Entwicklung kennen und als Radiolog/innen darauf reagieren. Dann reicht es nicht, wenn wir beschreiben: „Mehrere suspekte LK links axillär“.

Solches Detailwissen können wir aber nicht für alle Teilgebiete der Radiologie haben. Daher sollten wir uns auf bestimmte Bereiche limitieren, damit hier das Gleiche gilt wie bei der Patient/innen-Kommunikation: ein Austausch auf Augenhöhe.
 

Wir danken Ihnen herzlich für die interessanten Einblicke, Frau Dr. Wolfgarten.