KI-gestützte Hirnvolumetrie
Was bringt es für Patienten und Niedergelassene? Im Interview geben Dr. Tobias Lindig und Prof. Dr. Benjamin Bender vom Uniklinikum Tübingen Einblicke in die praktische Anwendung und Antworten auf häufig gestellte Fragen aus der Praxis.
Im Gespräch mit Dr. Tobias Lindig, Oberarzt der Neuroradiologie am Universitätsklinikum Tübingen, Facharzt für Neurologie und Radiologie, sowie Prof. Dr. Benjamin Bender, stellvertretender ärztlicher Direktor der Abteilung Neuroradiologie am Universitätsklinikum Tübingen und Facharzt für Radiologie, geht es um den Einsatz von KI gestützter Hirnvolumetrie zur Früh- und Differentialdiagnostik von Demenzen. Beide sind Gründer der Firma AIRAmed, einem Spin-Off des Universitätsklinikums Tübingen und geben Einblick in die praktische Anwendung der Hirnvolumetrie, den Nutzen für Ärzte und Patienten sowie in wirtschaftliche und ethische Fragen. Sie sprechen über allgemeine Skepsis von radiologischen Kollegen gegenüber KI, die Rolle objektiver Beratung bei IGeL-Leistungen und die Bedeutung der Frühdiagnostik im Zeitalter neuer Alzheimer-Therapien.
Was genau macht AIRAmed?
Dr. Tobias Lindig: Mit unserer Software AIRAscore analysieren wir MRT-Daten des Gehirns und vermessen alle für die neurodegenerative Diagnostik relevanten Hirnareale und Gewebestrukturen volumetrisch. Die individuellen Werte werden mit einem normbasierten Referenzkollektiv verglichen – angepasst an Alter, Geschlecht und Kopfgröße. Am Ende steht ein strukturierter Befundbericht, der übersichtlich aufbereitet ist und sich leicht interpretieren lässt – ähnlich wie man es von einem Laborbefund kennt.
Wie unterscheidet sich AIRAscore von anderen KI-Lösungen zur Hirnvolumetrie?
Prof. Dr. Benjamin Bender: AIRAscore ist ein Tool, das direkt die diagnostischen Möglichkeiten des Arztes optimiert. Was AIRAscore auszeichnet – und was in der klinischen Praxis besonders geschätzt wird:
1. Der aus der ärztlichen Anwendung heraus entwickelte, klar strukturierte Ergebnisbericht. Er ist intuitiv verständlich und direkt in den Befund integrierbar.
2. Hinzu kommt die hohe Präzision der Auswertung, die auf dem Einsatz moderner neuronaler Netze basiert – ein technischer Unterschied zu anderen verfügbaren Lösungen.
3. Des Weiteren übernimmt AIRAscore eine Aufgabe, die visuell kaum zuverlässig zu leisten ist: die präzise Quantifizierung von Hirnvolumina – insbesondere im Frühstadium neurodegenerativer Erkrankungen.
Wie gehen Sie mit der häufigen Skepsis um, dass KI noch nicht ausgereift sei und zu viele Fehler mache?
Dr. Tobias Lindig: Eine gewisse Skepsis ist völlig nachvollziehbar – gerade, weil KI für viele immer noch „Black Box“ heißt. Was AIRAscore betrifft, kann ich sagen: Die Software lernt nicht selbstständig weiter. Jede neue Version wird aufwendig geprüft, validiert und zertifiziert. Nur so können wir ein Medizinprodukt anbieten, das in der klinischen Praxis sicher einsetzbar ist. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit, jedes Ergebnis selbst visuell zu prüfen, was wir auch empfehlen, und selbst die KI zu kontrollieren.
Was ich in dem Zusammenhang spannend finde: Von einer KI erwarten wir oft Perfektion, vom Menschen hingegen akzeptieren wir eine gewisse Fehlertoleranz. Für mich ist klar: Wenn eine KI in einem klar definierten Anwendungsbereich nachweislich besser ist als die durchschnittliche Befundung – dann spricht viel dafür, es als sinnvolle Ergänzung im radiologischen Arbeitsalltag zu nutzen.
Ein typischer Einwand: „Früh erkennen bringt nichts, man kann sowieso nichts machen.“ Was sagen Sie dazu?
Prof. Dr. Benjamin Bender: Diese Haltung war lange verbreitet, ist aber aus heutiger Sicht überholt. Neue Alzheimer-Medikamente sind ausschließlich im Frühstadium wirksam. Ohne eine rechtzeitige und objektive Diagnostik lassen sich diese Therapien gar nicht gezielt einsetzen.
Auch vaskuläre Demenzen können durch frühzeitige Intervention positiv beeinflusst werden. Und nicht zuletzt wünschen sich viele Patientinnen und Patienten Klarheit – gerade bei einer so belastenden Fragestellung wie der Demenzdiagnostik. Selbst wenn die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind, kann ein gesicherter Befund Orientierung geben und erleichtert sowohl Patienten als auch Angehörigen den Umgang mit der Diagnose.
Wie sehen Sie die Rolle des Radiologen im Kontext von IGeL-Leistungen? Viele sagen: „Ich bin kein Verkäufer.“
Dr. Tobias Lindig: Das höre ich tatsächlich häufig. Aber die Frage ist: Sind wir es als Radiologen dem Patienten nicht schuldig, ihm medizinisch sinnvolle Diagnostik zumindest anzubieten? Es geht nicht darum, ihm etwas aufzudrängen, das man selbst für fragwürdig hält.
Wenn ich als Radiologe den Mehrwert einer Leistung jedoch erkenne – zum Beispiel in der KI-gestützten Hirnvolumetrie – und sie transparent und ehrlich erkläre, dann ist das für mich kein „Verkaufen“, sondern verantwortungsvolle Aufklärung.
Welchen konkreten Nutzen haben Patientinnen und Patienten durch den Einsatz von AIRAscore?
Prof. Dr. Benjamin Bender: AIRAscore ermöglicht dem Arzt eine objektive Einschätzung – auch in Situationen, in denen visuell noch keine eindeutigen Veränderungen zu erkennen sind. Das ist gerade in frühen Stadien neurodegenerativer Erkrankungen wichtig, um fundierte diagnostische oder therapeutische Entscheidungen treffen zu können.
Und nicht zuletzt: Viele Menschen wünschen sich Klarheit – selbst dann, wenn die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind. Demenz gehört nach Krebs zu den am meisten gefürchteten Erkrankungen. Für Patientinnen und Patienten, die mit einer vagen, aber belastenden Sorge leben, kann eine unauffällige volumetrische Beurteilung sehr beruhigend sein. Liegen die Werte im Normbereich, nimmt das oft für Jahre die Angst vor einer drohenden Diagnose.
Aber auch die Erhärtung eines Verdachts, z.B. durch ein sehr niedriges Hippocampusvolumen, bietet dem Patienten Klarheit, die von den meisten als weniger belastend betrachtet wird als die Ungewissheit. So betonten 91% Patienten mit Demenz in einer Befragung der Alzheimer’s Society, dass sie klare Vorteile in der Nennung einer Diagnose sehen und sich wünschten die Diagnose früher erhalten zu haben (https://www.alzheimers.org.uk/news/2022-05-16/91-people-affected-dementia-see-clear-benefits-getting-diagnosis).
Aber viele Radiologen sagen auch: „Ich spreche doch gar nicht mit dem Patienten.“ Wie funktioniert dann Aufklärung?
Prof. Dr. Benjamin Bender: Die Aufklärung kann in diesem Fall gut schriftlich erfolgen – klar, strukturiert und im Vorfeld, so dass nur noch Unklarheiten durch den Arzt geklärt werden müssen. Das ist in vielen medizinischen Bereichen üblich.
Eine klare Kommunikation im Vorfeld sollte die Erwartungen der Patienten lenken. Wenn Sie als Radiologe die Befundbesprechnung nicht übernehmen wollen, sollte dies klar vorab kommuniziert werden. Dies ist auch bei vielen anderen Fragestellungen üblich. Sollte der Patient nicht mit einer Überweisung kommen, bietet es sich an, entsprechende Anlaufstellen (z.B. Memory-Kliniken, Gedächtnisambulanzen, weiterbehandelnde Facharztgruppen etc.) schon vorab zu benennen.
Entscheidend ist, dass der Patient versteht, warum die Untersuchung sinnvoll ist und welche weiteren Schritte aus dem Ergebnis resultieren können – und das lässt sich gut vorab kommunizieren, ohne dass der Radiologe selbst beratend tätig werden muss.
Wie sieht die Anwendung konkret im radiologischen Alltag aus?
Dr. Tobias Lindig: Die Anwendung im Alltag ist tatsächlich sehr unkompliziert. Die MRT-Daten werden automatisch verarbeitet, und nach wenigen Minuten liegt ein strukturierter Befund mit grafischer Darstellung direkt im PACS.
Der Ablauf läuft vollständig im Hintergrund, ohne den gewohnten Workflow zu stören. Für uns Radiologen bedeutet das: eine schnelle, objektive Zusatzinformation, die wir direkt in unsere Beurteilung einfließen lassen können – und die sich auch gut an Zuweiser weitergeben lässt.
Besonders für Neurologen stellt die quantitative Hirnvolumetrie einen klaren Mehrwert dar. Sie erhalten verlässliche, normierte Messwerte, die sie in ihrer klinischen Einschätzung unterstützen – und auf deren Basis fundierte Therapieentscheidungen möglich sind, etwa im Rahmen einer frühen Alzheimer-Diagnostik oder zur Verlaufsbeurteilung bzw. Therapieentscheidung.
Zusammengefasst: Lohnt es sich, schon heute in der niedergelassenen Radiologie mit AIRAscore structure zu arbeiten?
Dr. Tobias Lindig: Auf jeden Fall. Gerade jetzt, wo die neuen Alzheimer-Medikamente voraussichtlich noch in diesem Jahr für den deutschen Markt zugelassen werden, ist es sinnvoll, vorbereitet zu sein. Mit der Hirnvolumetrie lassen sich Befunde noch präziser und aussagekräftiger erstellen - ein Vorteil, von dem auch die Zuweiser profitieren, weil sie für ihre Therapieentscheidungen verlässlichere Grundlagen erhalten.
Außerdem kann sich eine Praxis damit klar als innovativer Anbieter und Experte für Demenzdiagnostik positionieren – von der Früherkennung bis zur Prävention.
Und: Das Ganze ist auch wirtschaftlich interessant, denn es fallen nur Kosten pro Auswertung an. Diese lassen sich als IGeL- oder Privatzahlerleistung mit attraktiver Marge abrechnen. Für Praxen, die neu in das Thema IGeL-Abrechnung einsteigen, ist das besonders spannend, da der Nutzen für den Patienten leicht zu erklären und sofort nachvollziehbar ist.
Viele weitere Informationen inklusive konkrete Fallvorstellungen im Video-Format finden Sie auf der Seite airamed.de. Eine schnelle Kontaktaufnahme gelingt über Geschäftsführerin Christiane Lindig: christiane.lindigairamed.de. Nutzer der CuraHub Plattform können sich über diese auch die Software AIRAscore zugänglich machen.
Sprechen Sie dazu Daniel Reiberg aus dem Curagita-Team an: darcuragita.com.
Prof. Dr. med. Benjamin Bender
Studium der Humanmedizin an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seit 2008 Facharztausbildung im Department Radiologie der Universitätsklinik Tübingen, seit 2016 Oberarzt und seit 2025 stellvertretender Ärztlicher Direktor der Abteilung Diagnostische und Interventionelle Neurobiologie der Universitätsklinik Tübingen mit Bereichsleitung MRT-Bildgebung.
Schwerpunkte: MR-Bildgebung bei neurodegenerativen Erkrankungen und Neurookologie. Seit 2019 zusätzlich nebenberuflich CTO der AIRAmed GmbH Tübingen.
Dr. med. Tobias Lindig
Medizinstudium in Erlangen, Boston, Zürich und Auckland. Ausbildung zum Facharzt Neurologie und Radiologie mit Schwerpunkt Neuroradiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Seit 2019 Oberarzt der Abteilung Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie.
Schwerpunkte: Bildgebung und klinische Studien. Seit 2019 nebenberuflich CEO der AIRAmed GmbH Tübingen




