Digitalisierungs-Umfrage: Ärzte aus Kliniken und Praxen bewerten die Chancen der Digitalisierung

In der letzten Ausgabe berichteten wir über die Ergebnisse einer von Bitkom durchgeführten Umfrage unter 1.193 Patienten in Deutschland und deren Akzeptanz gegenüber digitalen Gesundheitsangeboten. Dieser Artikel aus dem Schütze-Brief vom Februar 2021 hat die Umfrage-Ergebnisse unter Ärztinnen und Ärzten genauer beleuchtet, welche vom Hartmannbund und Bitkom unter 500 Ärzten durchgeführt wurde.

Am 2. Februar 2021 veröffentlichten Hartmannbund und Bitkom Ergebnisse ihrer gemeinsamen Umfrage „Medizin 4.0 – wie digital sind Deutschlands Ärzte?“. Die Umfrage wurde unter mehr als 500 Ärzten in Deutschland durchgeführt. Laut dem Vorsitzenden des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, dokumentiere die Umfrage – über Sektorengrenzen hinweg –, dass die ganz überwiegende Zahl der Kolleginnen und Kollegen die Digitalisierung der Medizin grundsätzlich als Chance zur Verbesserung der Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten betrachte. Probleme fokussierten sich in der Klinik eher „noch immer in der mangelhaften Kompatibilität der angewendeten Technik oder etwa in der, teilweise damit einhergehenden, Notwendigkeit, Doppeldokumentationen vornehmen zu müssen“. In den Praxen stehe einer höheren Akzeptanz im Weg, dass kein echter Mehrwert des digitalen Fortschritts für die Ärztinnen und Ärzte und ihre Patientinnen und Patienten im Versorgungs-Alltag erlebt würde.

86 % der Klinik-Ärzte würden in der Digitalisierung primär Chancen für das Gesund- heitswesen sehen – 10 % hielten die Digitalisierung für ein Risiko. Bei den Praxis-Ärzten hätten lediglich 53 % die Chancen betont – und 39 % die Risikoperspektive. Zugleich gebe es einen deutlichen Unterschied zwischen Ärztinnen und Ärzten: 74 % der Frauen würden die Digitalisierung als Chance sehen, aber nur 63 % der Männer. Und: Je jünger die Ärzte seien, desto aufgeschlossener und optimistischer seien sie. 88 % der unter 45-Jährigen würden die Digitalisierung als Chance sehen. Aber nur jeder zweite Arzt (55 %) ab 45 Jahren. „Die offenbar höhere Zustimmung bei jungen Ärztinnen und Ärzten oder in der Gruppe der Frauen erklärt sich im Übrigen daraus, dass diese ‚Kohorte‘ bei der Umfrage anteilig in den Kliniken stärker vertreten ist“, erklärte Reinhardt.

Insgesamt gingen die Ärzte in Deutschland davon aus, dass mithilfe der Digitalisierung maßgebliche Fortschritte in der Medizin erreicht würden – auch bei der Bekämpfung globaler Pandemien. 80 % der Mediziner hielten es für wahrscheinlich, dass spätestens im Jahr 2030 computergestützte Voraussagen flächendeckend im Einsatz seien, die vor Pandemien warnen, zum Beispiel durch Algorithmen, die die Dynamik von Infektionsgeschehen vorhersagen. 72 % erwarteten, dass Organe wie Speiseröhrenimplantate, Haut oder Knorpelscheiben künftig mithilfe eines 3D-Druckers entständen. 58 % rechneten zudem damit, dass Tierversuche durch Versuche an 3D-gedruckten Zellstrukturen ersetzt würden.

Vor allem Klinik-Ärzte würden sich wünschen, dass es bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens schneller vorangehe: 82 % der Mediziner in Krankenhäusern sagten, es sei mehr Tempo beim Ausbau digitaler Angebote nötig. Unter den Praxis-Ärzten seien es lediglich 38 %. Dr. Reinhardt zufolge sei das grundlegende Problem die mangelhafte Kompatibilität der angewendeten Technik oder etwa in der teilweise damit einhergehenden Notwendigkeit, Doppeldokumentationen vornehmen zu müssen. Für drei Viertel (74 %) habe die Corona-Pandemie gezeigt, dass das hiesige Gesundheitssystem insgesamt gut aufgestellt sei.

 

 

Innerhalb der Praxen und Kliniken schreite die Digitalisierung voran: Jeder zweite Arzt (50 %) erstelle Medikationspläne überwiegend digital. Eine digitale Patientenakte sei bereits bei 66 % im Einsatz – 31 % bewahre die Akten noch abgeheftet in Schränken oder Regalen auf. 61 % verwalteten eigene Notizen und Dokumentationen digital (37 % analog). Die Kommunikation verlaufe größtenteils traditionell: Das Telefon sei der wichtigste Kanal im Austausch mit Patienten (77 %). Jeder fünfte Arzt (19 %) halte den Kontakt zu Arztpraxen überwiegend per Briefpost, 22 % setzten vornehmlich auf das Fax. Lediglich jeder 20. Arzt kommuniziere überwiegend via E-Mail mit anderen Praxen, Apotheken oder den Patienten.

Einen deutlichen Zuwachs gibt es beim Angebot von Video-Sprechstunden. Die elekt- ronische Patientenakte (ePA) wecke bei vielen Ärzten große Hoffnungen. So böten 17 % der Praxis-Ärzte Video-Sprechstunden an. Weitere 40 % könnten sich dies für die Zukunft vorstellen – 73 % Klinik-Ärzte seien dazu bereit. 89 % der Klinik-Ärzte und 54 % der Praxis-Ärzte erwarteten durch die ePa eine einfachere Zusammenarbeit zwischen Ärzten. Auch eine größere Transparenz für alle Beteiligten (Klinik-Ärzte: 72 % / Praxis-Ärzte: 45 %) zähle für viele zu den größten Vorteilen. Zugleich würden Klinik-Ärzte (76 %) wie Praxis-Ärzte (85 %) die Gefahr des Datenmissbrauchs sehen. Insbesondere Praxis-Ärzte fürchteten hohe Investitionskosten (60 % / Klinik-Ärzte: 28 %), jeder zweite Praxis-Arzt (52 %) sehe auch eine schwierige Integration der ePa in den eigenen Behandlungsalltag.

 

 

Bei digitalen Gesundheits-Anwendungen (DiGA) bestehe bei rund einem Viertel der Ärzteschaft allerdings noch ein großer Informationsbedarf: Jeder zehnte Arzt (10 %) wisse nach eigenem Bekunden nicht, was eine App auf Rezept sei. Jeder vierte Mediziner (24 %) wolle DiGAs künftig verordnen, 2 % hätten dies bereits getan. 28 % würden dies jedoch kategorisch ausschließen. Aus Sicht des Hartmannbundvorsitzendem würde das „positive Erleben“ eines echten Mehrwerts des Digitalen im Versorgungs-Alltag gebraucht, um eine höhere Akzeptanz bei den Praxis-Ärzten zu erreichen. Dies sei entscheidend. Ansonsten bleibe Digitalisierung eine politische Vorgabe, mit der man sich gegebenenfalls auch bei unterschiedlicher Auffassung über Sinn und Unsinn einer Maßnahme auseinanderzusetzen habe. „Stammdatenmanagement in der Praxis inklusive entsprechender Sanktionen bei Nichterfüllung ist definitiv kein ‚Mehrwert‘, der motiviert.“

Hinzu komme laut Reinhardt: „Um den Digitalisierungsgesetzen zu entsprechen, sind technische Voraussetzungen zu schaffen. Diese sind administrativ und kostentechnisch aufwendig. Beispielhaft sei hier die verpflichtende Ti-Anbindung mit ihren entsprechenden technischen Komponenten und Diensten genannt. Die Praxen müssen die Kosten für die Anschaffung der Geräte und Dienste sowie für die Installation zunächst selbst tragen, erhalten jedoch nachträglich Erstattungspauschalen für die Erstausstattung, den Installationsaufwand sowie für die quartalsweisen Betriebskosten. Das kann aber bis zu einem halben Jahr und länger dauern und stellt häufig auch nur eine Anschubfinanzierung dar.

 

 

Die ausführlichen Ergebnisse der Ärztebefragung als PDF-Download: Bitkom Charts

 


Dieser Artikel stammt vom Leo Schütze Verlag, Herausgeber des "Schütze-Briefs". Curagita übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit dieser Informationen.