Work-Life-Balance in radiologischen Praxen – was hilft, wenn der Stress nicht weniger wird?

Radiologische Praxen sind Hochleistungsumgebungen. Taktung, technische Komplexität, Dokumentationspflichten, Personalmangel und anspruchsvolle Patientinnen und Patienten verdichten sich zu einem Arbeitsalltag, der selten Leerlauf kennt. Beim Workshop „Work-Life-Balance – Get things done without burning out“ mit Referentin Lea Halm ging es daher nicht um die Illusion eines stressfreien Berufs, sondern um einen realistischen Umgang mit unvermeidbarem Druck.

Die Referentin Lea Halm vom Anti-Stress-Team (https://anti-stress-team.de) kennt Stress u.a. aus dem Leistungssport und arbeitet seit Jahren als Anti-Stress-Coach. Sie führte zunächst aus, dass Stress per se nichts Negatives ist, sondern Menschen beispielsweise zu Hochleistungen befähigen kann. Die Stressforschung zeige weiterhin, dass nicht allein die Menge der Aufgaben entscheidend ist, sondern die subjektive Bewertung der Situation. Hier setzte der Workshop an. Diesen präsentierte sie als „Buffet“, von dem sich jede(r) das mitnehmen könne, was individuell passt. Ein Take-away des Nachmittags sei daher ein Erfolg – die meisten Menschen seien leider Wissensriesen, aber Handlungszwerge! Hier eine Zusammenfassung der Workshop-Themen für all jene, die nicht dabei sein konnten, das Thema aber wichtig finden.

Stress erkennen, bevor er krank macht

Ziel ist nicht, Stress vollständig zu vermeiden. Kurzfristige Aktivierung gehört zu leistungsfähiger Arbeit dazu. Problematisch wird es, wenn aus Anspannung ein Dauerzustand wird. Frühwarnzeichen sind Schlafprobleme, erhöhte Infektanfälligkeit, Verspannungen, Grübelschleifen oder Vergesslichkeit. Auch das Auslassen von Pausen oder kompensatorisches Verhalten wie exzessiver Sport können Hinweise sein.

Studien zu Gesundheitsberufen zeigen seit Jahren erhöhte Burnout-Risiken, insbesondere bei hoher Arbeitsdichte und geringer wahrgenommener Kontrolle. Resilienz gilt hier als Schutzfaktor. Sie beschreibt die Fähigkeit, sich trotz widriger Umstände psychisch stabil zu halten oder sich nach Belastungen wieder zu erholen.

Resilienz ist trainierbar

Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, die man hat oder nicht hat, sondern ein dynamischer Prozess. In der Forschung werden mehrere Faktoren beschrieben, die widerstandsfähige Menschen auszeichnen. Dazu zählen Lösungsorientierung, Akzeptanz nicht veränderbarer Umstände, Optimismus, Selbstverantwortung, Selbstwirksamkeit, soziale Netzwerke und Zukunftsorientierung.

Wie kann man nun mit dem eigenen Stress-Level gut umgehen?

Die Länge der persönlichen „Zündschnur“ ist von Geburt an unterschiedlich. Ziel ist es, damit gut umgehen zu lernen. Dabei verstand die Referentin unter Stressmanagement das „Energiemanagement für eine gesamtheitliche Balance“, das sowohl Work als auch Life miteinschließt. Sie nannte drei Ansatzpunkte:
 

  1. Gedankenstress stoppen
    Unser Gehirn hat einen Negativ-Bias. Es bewertet potenzielle Bedrohungen stärker als neutrale oder positive Ereignisse. Unter Stress trifft es zudem nachweislich schlechtere Entscheidungen. Hilfreich sind daher einfache Fragen im Alltag. Ist das, was ich gerade denke, wirklich wahr? Ist es ein Fakt oder eine Interpretation? Tut mir dieser Gedanke gut? Kann ich die Situation auch anders betrachten? Allein diese gedankliche Distanzierung kann emotionale Intensität reduzieren. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze bestätigen die Wirksamkeit solcher Techniken. Ein weiterer Impuls lautete, konsequent zu unterscheiden. Was kann ich akzeptieren, was aktiv verändern, was verlassen? Diese Haltung verhindert endlose Gedankenschleifen. Zur Visualisierung schlug die Referentin vor „Gedanken wie das Fernsehprogramm einfach wegzuzappen“.
     
  2. Mehr Abstand schaffen
    Wichtig ist zudem ein bewusster Abschluss des Arbeitstages und den persönlichen „Off-Schalter“ zu betätigen. Was war heute wesentlich? Was lasse ich hier? Was nehme ich morgen wieder auf? Gedanken können notiert und symbolisch „geparkt“ werden, um dem Kopf zu signalisieren, dass nichts verloren geht. Klar ist auch, dass der „Off-Schalter“ häufig eher ein „Dimmer“ ist und eine emotionale Restspannung bleibt. Die Anerkennung dieser Tatsache hilft auch.
     
  3. Innere Ruhe finden
    Erholung beginnt nicht erst auf dem Sofa. Stressabbau kommt vor Entspannung. Vielen Menschen hilft dabei Bewegung, Spaziergänge in der Natur oder Sport. Raus aus dem Kopf…rein in den Körper: Die bewusste Verlagerung aus der Grübelschleife in die Körperlichkeit, z.B. in Atemübungen kann helfen, vom Kopf in den Körper zu kommen und Restanspannung abzubauen.

Wo die Grenzen liegen

So wirksam individuelle Strategien sind, sie ersetzen keine strukturellen Lösungen. Ein Webinar kann Impulse zur kurzfristigen Stressbewältigung geben. Es kann jedoch keine Organisationsentwicklung leisten, keine Personalengpässe beheben und keine gesellschaftlichen Anspruchshaltungen verändern.

So berichtete die Praxismanagerin einer Großpraxis im Workshop von ihrem Stress durch steigende Erwartungen sowohl seitens der Mitarbeitenden als auch der Patientinnen und Patienten. Diese Entwicklungen erzeugen realen Druck, der sich nicht allein durch Resilienztrainings auflösen lässt. Die Forschung zur Arbeitsgesundheit betont, dass nachhaltige Prävention sowohl verhaltensbezogene als auch verhältnisbezogene Maßnahmen braucht. Individuelle Stresskompetenz und gute Organisationsstrukturen müssen zusammenspielen.

Am Ende bleibt als persönliches Motto zur Work-Life-Balance bei mir als Teilnehmerin der Spruch der Referentin „Love it, change it or leave it” hängen, der ermutigt, Stress nicht ergeben zu akzeptieren, sondern eine aktive Rolle zu finden, damit umzugehen. Das Feedback der Teilnehmenden des zweistündigen Workshops war positiv. Vielleicht gerade deshalb, weil keine Patentrezepte versprochen wurden, sondern konkrete, umsetzbare Schritte für den nächsten Arbeitstag in einer Realität, die anspruchsvoll bleibt.