Radiologische Prävention im Zeitalter von Longevity und KI
Gibt es Chancen für eine neue präventive Radiologie auf Basis der Ganzkörper-MRT aufgrund steigendem Gesundheitsbewusstseins und neuer Möglichkeiten der Bildanalyse durch KI? Die spannende Pro-Contra-Diskussion auf dem Röntgenkongress stärkt Überlegungen und Pläne im Radiologienetz, diese Themen zu vertiefen.
Der Deutsche Röntgenkongress 2026 in Leipzig zeigte eindrucksvoll, wie stark sich die Radiologie derzeit verändert. Im Workshop zum Thema Longevity, Prävention und Ganzkörper-MRT diskutierten drei Referenten die wachsende Nachfrage gesundheitsbewusster Menschen nach präventiven Untersuchungen – und gleichzeitig die medizinischen, ethischen und ökonomischen Implikationen, die sich daraus ergeben.
Die Diskussion machte deutlich: Radiologische Prävention steht an einem Wendepunkt. Einerseits wächst das Interesse an Früherkennung, Self-Tracking und Gesundheitsoptimierung rasant. Andererseits eröffnen moderne KI-Anwendungen neue Möglichkeiten, MRT-Untersuchungen effizienter, präziser und individualisierter auszuwerten. Die Kombination aus technologischer Innovation und gesellschaftlichem Wandel könnte die präventive Radiologie nachhaltig verändern.
Longevity als gesellschaftlicher Megatrend
Den Auftakt des Workshops gestaltete Alessandro Falcone mit seinem Vortrag „Longevity: Zwischen Hype und Evidenz“. Der angehende Internist und bekannte Podcaster stellte gleich zu Beginn fest: Der Begriff „Longevity“ umfasst heute weit mehr als klassische Anti-Aging-Medizin. Er verbindet medizinische Prävention, Lebensstiloptimierung, Supplements, Wellness, Selbstmessung und experimentelle Therapien zu einem neuen Gesundheitsverständnis.
Immer mehr Menschen wollen Krankheiten nicht erst behandeln lassen, sondern möglichst früh erkennen oder vollständig vermeiden. Wearables, Biomarker, digitale Gesundheitsdaten und personalisierte Medizin verstärken diesen Trend zusätzlich. Prävention wird dabei zunehmend als individueller Lifestyle verstanden – besonders bei gesundheitsbewussten und wirtschaftlich starken Zielgruppen.
Falcone stellte jedoch auch kritisch heraus, dass viele populäre Longevity-Angebote wissenschaftlich nur unzureichend belegt sind. Beispielhaft wurde die Diskussion um NAD+-Infusionen genannt. Die präsentierte Literatur zeigte, dass für zahlreiche Anwendungen bislang keine belastbare Evidenz für einen anti-aging- oder wellnessbezogenen Nutzen existiert.
Gerade diese Diskrepanz zwischen hoher Nachfrage und begrenzter Evidenz prägt auch die Diskussion um präventive MRT-Untersuchungen.
Ganzkörper-MRT zwischen Prävention und Erwartungsmanagement
Im zweiten Teil des Workshops stand das Ganzkörper-MRT als Vorsorgemaßnahme im Mittelpunkt. Prof. Dr. Mike Notohamiprodjo aus München stellte die zunehmende Bedeutung der Ganzkörperbildgebung im Longevity-Kontext dar. Die Attraktivität solcher Angebote liegt auf der Hand: Das MRT arbeitet ohne ionisierende Strahlung, liefert hochauflösende Bilder zahlreicher Organsysteme und vermittelt Patienten ein Gefühl maximaler diagnostischer Sicherheit. Und im niedrigen einstelligen Prozentsatz gibt es relevante Befunde, z.B. unruptierte intrakranielle Aneurysmen, Nierentumore, asymptomatische Tumoren oder vaskuläre Malformationen. In einem „Gegenstatement“ wies Professorin Dr. Christiane Kuhl aus der Uniklinik RWTH Aachen darauf hin, dass Patienten häufig die hohe diagnostische Leistungsfähigkeit gezielter MRT-Untersuchungen auf eine Ganzkörper-MRT als Vorsorgemaßnahme übertragen. Genau hierin liege jedoch ein häufiges Missverständnis.
Sie betonte, dass die Ganzkörper-MRT die häufigsten primären Tumorerkrankungen wie Lungen-, Brust-, Darm- und Prostata-Krebs nicht zuverlässig in frühen Stadien erkennt. Sichtbar werden häufig erst bereits metastasierte Erkrankungen, etwa in Leber oder Knochen. Damit stellt sich die zentrale Frage, welchen tatsächlichen präventiven Nutzen solche Untersuchungen besitzen.
Hinzu käme die Problematik falsch-positiver Befunde. Zufallsbefunde führen nicht selten zu weiteren Untersuchungen, invasiven Abklärungen, psychischer Belastung und zusätzlichen Kosten. Dabei verwies sie kritisch darauf, dass diese „downstream costs“ letztlich häufig vom solidarisch finanzierten Gesundheitssystem getragen werden.
Die Diskussion machte deutlich: Präventive Radiologie darf nicht allein marketinggetrieben verstanden werden. Entscheidend bleiben medizinische Evidenz, verantwortungsvolle Kommunikation und eine realistische Aufklärung der Patienten.
KI als Schlüsseltechnologie der präventiven Radiologie
Trotz aller kritischen Aspekte könnte insbesondere der Einsatz künstlicher Intelligenz enorme Chancen für die präventive Radiologie beinhalten.
Gerade bei MRT-Untersuchungen entstehen große Mengen hochkomplexer Bilddaten. KI-basierte Anwendungen können Radiologen dabei unterstützen, Auffälligkeiten schneller und strukturierter zu erkennen. Besonders im präventiven Kontext könnten KI-Systeme künftig mehrere zentrale Funktionen übernehmen:
- automatisierte Detektion von Zufallsbefunden
- quantitative Verlaufsanalysen über Jahre hinweg
- Risikostratifizierung auf Basis multimodaler Daten
- standardisierte Befundung großer Screening-Kohorten
- Priorisierung auffälliger Fälle im klinischen Workflow
Dadurch könnte sich die Rolle der Radiologie grundlegend verändern – weg von einer rein reaktiven Diagnostik hin zu einer datengetriebenen Präventionsmedizin.
Ein weiterer entscheidender Vorteil liegt in der Effizienzsteigerung. Ganzkörper-MRTs erzeugen enorme Datenmengen und sind zeitintensiv in der Befundung. KI könnte helfen, diese Untersuchungen wirtschaftlicher und skalierbarer zu machen.
Die Zukunft: Prävention braucht Evidenz und intelligente Integration
Der Workshop auf dem Röntgenkongress 2026 zeigte eindrucksvoll, dass die gesellschaftliche Nachfrage nach Früherkennung, Gesundheitsoptimierung und Longevity weiter steigen wird. Gleichzeitig wächst der technologische Reifegrad KI-gestützter Bildanalyseverfahren rapide. Radiologische Präventionsangebote können daher sowohl seriös als auch wirtschaftlich attraktiv sein – und durch den Einsatz von KI-Applikationen noch bessere Früherkennung liefern.
Die Zukunft liegt nicht in unkritischen Ganzkörper-Scans für alle, sondern in intelligenten, risikoadaptierten Präventionskonzepten. Damit entsteht eine neue Form der Radiologie: präventiv, datengetrieben, individualisiert – aber gleichzeitig medizinisch verantwortungsvoll und wissenschaftlich fundiert.
Jede(r) Radiolog/in wird sich eine eigene Meinung dazu bilden. Curagita glaubt an diesen extrabudgetären Zukunftstrend einer neben krankheits- immer weiter gesundheitsversorgenden Radiologie und arbeitet derzeit an 4 Projekten, um Netz-Mitglieder bei der Entscheidung und deren Umsetzung zu unterstützen:
- Medicap-Gesundheitsscore mit einem fachübergreifenden digital-vernetzten Ansatz zur Klassifizierung und Beeinflussung (anlog Golf-Handicap) der Gesamtgesundheit eines Präventanten (Patentanmeldung erfolgt), den jede interessierte Mitgliedspraxis nutzen kann.
- Konzept zu einer internistischen Prävention inkl. Ganzkörper-MRT mit deutschlandweitem Marketing unter Nutzung unserer Vorerfahrungen in Hamburg und München (DeRaG/ Conradia) und Erfolgsgeschichten in den USA, welches jede geeignete Mitgliedspraxis im Sinne eines Franchise (filialisierte Privatklinik nach Paragraph 30 GewO) in bzw. neben der eigenen Praxis nutzen kann
- Präventionsportal zur breitflächig umworbenen Information, Indikationsprüfung, Aufklärung und Terminvermittlung von mitlaufenden und dedizierten Präventionsleistungen von anbietenden Mitgliedspraxen.
- Zusammenstellung und Kuratierung eines primär zur (sekundären) Prävention in Radiologien geeigneten KI-Anwendungsportfolios über unsere KI-Plattform CuraHub, die wir Mitgliedspraxen vergünstigt zur Verfügung stellen können
Die Themen werden im Rahmen der Vollversammlungen im zweiten Halbjahr 2026 bzw. auf dem Radiologienetz-Tag am 21. November näher vorgestellt.


