Akzente im Radiologienetz setzen 2021-2025: Umfrage unter Radiologinnen und Radiologen
Im ersten Quartal wurde ein im Radiologienetz abgestimmter Entwicklungsprozess begonnen, der mit einer Online-Mitgliederumfrage startete. 55 Radiologinnen und Radiologen beteiligten sich daran und legten ihre Sicht auf Zukunftsszenarien in der niedergelassenen Radiologie und ihre Erwartungen an ihr Radiologienetz dar. Vielen Dank fürs Mitmachen!
Bei unseren Mitgliedspraxen handelt es sich überwiegend um inhabergeführte mittelständische Radiologiepraxen. Viele sind von Anfang an mit dabei gewesen, als sich Radiolog:innen in der Rhein-Neckar-Region vor 20 Jahren als Netz zusammenschlossen, um gemeinsam mehr zu bewegen als im Alleingang. Die aktuelle Situation in den Radiologienetz-Praxen ist (neben der Pandemie) durch zahlreiche Generationswechsel bei den Praxispartnern und eine zunehmende Digitalisierung in allen Bereichen geprägt. Anlass genug, gemeinsam im Netz neue Akzente zu setzen: Was kann das Radiologienetz heute zur Zukunftsfähigkeit seiner Mitglieder beitragen? Wie eng sollen Zusammenarbeit und Verbindlichkeit im Netz zukünftig sein? Vor dem Hintergrund der Einschätzung der aktuellen Situation in der niedergelassenen Radiologie haben wir die Erwartungen der Radiologen an die Schwerpunkte der Netzarbeit für die nächsten fünf Jahre schriftlich abgefragt und bereits in Einzelgesprächen begonnen, das sich abzeichnende Bild zu vervollständigen. Hier die Ergebnisse der Online-Befragung, an der 20 Prozent der freiberuflichen Netzradiolog:innen teilnahmen und die auf der Juni-Vollversammlungsrunde diskutiert werden:
Trends in der niedergelassenen Radiologie: Kostendruck bei eher rückläufigen Einnahmen
Zur Vorbereitung des Radiologentags 2016 1 hatten wir bereits eine Einschätzung der Mitgliedsradiolog:innen zu sich abzeichnenden Entwicklungen erhoben und auf der Veranstaltung ausführlich diskutiert. Interessant ist nun, dass die Herausforderungen nach fünf Jahren immer noch sehr ähnlich sind und sich – beispielsweise in Bezug auf Standardisierung oder strukturierte Befundung – in der durchschnittlichen Radiologiepraxis nur wenig geändert zu haben scheint. Vergleicht man die Einschätzungen der Radiolog:innen 2016 mit 2021, so sind vor dem Hintergrund der tatsächlichen Entwicklungen die Meinungsbilder klarer und einheitlicher geworden. Dies betrifft vor allem die negative Einschätzung der GKV-Einnahmen-Situation (die sich ja im Frühjahr 2020 bereits manifestierte), die beschränkten extrabudgetären Optionen, den Investitionsdruck, das unternehmerische Risiko, die Entwicklung in Richtung „Verkettung“ und die Personalsituation. Gerade letzteres Thema war vor fünf Jahren nur von 30% der Befragten problematisiert worden. Heute sind es 96%, welche höhere Personalkosten aufgrund von Ressourcenknappheit befürchten. Interessant auch, dass das Thema Praxismanagement im Sinne von Leistungs-/Kostensteuerung einen Bedeutungszuwachs von fast 70 Prozentpunkten erhielt. Trotzdem scheint die neue Generation der Radiolog:innen der Meinung zu sein, dass – obschon sie Wert auf Work-Life-Balance legt und dem „Hamsterrad“ des sich selbst ausbeutenden Radiologenpartners dadurch eher eine Absage erteilt – Inhaber-geführte Praxen Effizienzvorteile haben. Gleichzeitig wird die Gefahr unternehmerischer Misserfolge, gar einer Insolvenz, von 70% der Befragten gesehen. 2016 waren dies noch 88% der Befragten. Daraus abzuleiten, dass die jetzige Generation optimistischer ist, wäre wahrscheinlich zu gewagt. Bezogen auf die Berufspolitik ist die Resignation bei den Befragten hoch. 96% stimmen der Aussage zu, dass die Fachgruppe der Radiologie zu klein für berufspolitische Durchsetzungsfähigkeit ist. Das ist der höchste Zustimmungswert bei den 16 skizzierten Trends. Trotzdem oder auch gerade deshalb sehen viele im Radiologienetz eine zusätzliche berufspolitische Kraft, was in weiteren Befragungsergebnissen deutlich wird. Spannend auch: Die fortschreitende Digitalisierung entlastet Praxen heute (noch) nicht. Und: Nur gut die Hälfte der befragten Freiberufler:innen ist der Meinung, dass radiologische Ketten besseren Service, mehr Kostensynergien und stärkere Verhandlungsmacht als Mittelständler bieten.
Trends mit höchsten und niedrigsten Quoten
Die Zustimmungswerte zu den skizzierten Entwicklungs-Trends in der radiologischen Landschaft sind hoch.
Höchste Zustimmung erhielten diese Trends:
- Die Fachgruppe der Radiologen ist zu klein für berufspolitische Durchsetzungsfähigkeit
- Steigende Gehälter aufgrund Ressourcenmangel im ärztlichen und nicht-ärztlichen Bereich
- Inhaber-geführte Praxen sind effizienter
- Junge Freiberufler-Generation legt mehr Wert auf Work-Life-Balance
Eher geringere Zustimmung erhielten diese Trends:
- Entlastung durch Digitalisierung und KI: Dieses Thema wurde bereits 2016 durch die Radiologen schon kritisch beurteilt, was nun sogar eher zunahm
- Einführung einer Teleradiologieziffer zur Versorgungsverbesserung
- Radiologische Ketten bieten besseren Service, mehr Kostensynergien und stärkere Verhandlungsmacht als Mittel-ständler
Welche Vorteile sehen die Befragten in der Mitgliedschaft im Radiologienetz?
Die Möglichkeit, als Selbstständige/r über die eigene Praxis hinaus Teil eines Netzes unter Gleichen zu sein, ist für alle Befragten attraktiv. Die aufgezählten Vorteile, die über Best Practice-Austausch bis zu gemeinsamen Projekten und einer Zukunftssicherung durch den Aufbau eines Gegenpols zu radiologischen Ketten reichen, werden von den Befragten mehrheitlich auch als solche wahrgenommen.
Die am höchsten bewerteten Vorteile einer Mitgliedschaft im Radiologienetz sind nach Meinung der Befragten der praxisrelevante Wissenstransfer und Informationsdienst (98% Zustimmung), die Kosteneinsparungen durch Verbundvorteile (92% Zustimmung) sowie die Verfügbarkeit Radiologie-spezifischer Kompetenzen (90% Zustimmung). Obwohl eine weitgehende Machtlosigkeit aufgrund der geringen Fachgruppengröße attestiert wird, schätzen 83% die berufspolitische Vertretung durch das Radiologienetz. 84% sehen einen hochgeschätzten Mehrwert in der Vernetzung mit Kolleg:innen und dem damit verbundenen Austausch über Best Practices (85% Zustimmung).
Die aus Mitgliedersicht wichtigsten der zukünftig gewünschten Netz-Leistungen sind die seit Langem bewährten und bekannten. So freut sich das Verbundeinkaufsteam über die höchste Zustimmungsquote von 94% durch die Befragten und sieht den Bereich, der neben der Unterstützung beim Beschaffungsmanagement für viele Praxen inzwischen auch Produktberatung, Logistik, Regalservice, Verpackungsentsorgung und Verbrauchsstatistiken bereithält, als wichtigen externen Praxisservice. Folgende Dienstleistungen werden auch mit Blick auf die Zukunft von den Radiologen im Netz als die wichtigsten erachtet:
- Teilnahme am Verbundeinkauf
- Gerätemanagement
- Honorar-Beratung und -Controlling
- CuraProtect (Arbeitssicherheit, -schutz, Daten-/Strahlenschutz)
- Netztreffen und Fortbildungen
- Berufspolitisches Lobbying
Der Abstand zu den darüber hinaus aufgezählten Netzdienstleistungen ist nicht allzu groß. Dabei handelt es sich um outgesourcte oder in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv im Rahmen des Netzes angebotene Services (z.B. RIS/PACS, Marketing, Recruiting, Beratung). Bei Ideen für neue Leistungen wie Callcenter, Vertretungs-Pools oder auch Qualitätsprojekte scheiden sich die Geister der Befragten. Hier muss die Diskussion noch im Sinne der Befürworter konkreter werden.
Abschließend wurden die Teilnehmer:innen gebeten anzugeben, in welchen Bereichen sie sich künftig gerne in einem Fachbeirat einbringen möchten. Allem voran ist die Bereitschaft bei 60% der Befragten vorhanden, im Fachbeirat mitzuwirken. Dabei könnte das Themenspektrum künftig weit mehr als berufspolitisches Lobbying umfassen. Insbesondere zu den Themen Praxismanagement, Medizin, Geräte, IT und Digitalisierung gibt es Menschen, die sich engagieren würden. Ein ermutigendes Zeichen!
Welche Akzente wollen Sie im Netz 2021-2025 setzen?
Nicht zuletzt begrenzte Ressourcen auf Praxis- und Netzmanagerseite machen Priorisierungen erforderlich. Fünf Szenarien wurden skizziert mit der Bitte um Feedback bezüglich ihrer Relevanz für die radiologische Netzpraxis. In welche Richtung soll sich das Radiologienetz entwickeln, um den größten Nutzen für die Mitglieder zu entfalten?
Zur Auswahl standen folgende Visionen für ein künftiges Radiologienetz:
Um es vorweg zu nehmen: Es gab keine eindeutige Priorität 1! Am ehesten sprachen sich die Befragten für die Vision des netzeigenen Sprachrohrs aus. 21 von 55 Befragten sahen hier die erste Priorität (von 1 bis 4) für ihr Radiologienetz. Die anderen Szenarien folgen in der Bewertung ziemlich gleich auf. Die zugewiesenen Prioritäten liegen im Durchschnitt zwischen 2,2 und 2,5. Insgesamt fallen die relativ hohen Standardabweichungen auf (0,9-1), die ein breites Meinungsspektrum widerspiegeln. Hier gilt es, tiefer in die Diskussion einzusteigen, als es in einer Online-Befragung möglich ist. Sei es, um in allen skizzierten Zukunftsschwerpunkten bestimmte Netzziele zu definieren, oder durch Konkretisierung und Ausdifferenzierung der Szenarien klarer zu werden und Entscheidungen bzw. Priorisierungen zu erleichtern. Das offene Feld für eine eigene Vision des Radiologienetz blieb indes unausgefüllt. Eine Rückmeldung für das Netzmanagement, dass die wichtigsten Themen abgebildet wurden.
So oder so: Die Netzarbeit bleibt spannend, die Teilnahmequote ermutigt uns, auf der Basis der vorliegenden Ergebnisse weiterzuarbeiten. Die nächsten Steps sind Praxisgespräche und Diskussionen auf den Vollversammlungen. Spätestens auf dem Radiologentag im Herbst soll der Fahrplan verabschiedet werden – dann mit möglichst konkreten Projekten und eindeutigen Votings. Wir werden Sie mit Updates auf unseren Kanälen auf dem Laufenden halten.
Ihre Ansprechpartnerin
Eva Jugel





